Anne Wegmüller: Junge Alternative Bern
Das Parlament der Stadt Bern wurde im November 2008 neu gewählt. Es haben einige Lesben und Schwule für den Stadtrat kandidiert. Eine lesbische Kandidatin konnte sich ihren bisherigen Sitz sichern. Die gayAgenda hat die wiedergewählte Anne Wegmüller interviewt.
Du bist als Stadträtin wiedergewählt. Im letzten Jahr hast du sogar für den Nationalrat kandidiert. Warum bist du überhaupt in die Politik eingestiegen?Als 16-jährige ging ich im Berner Mädchentreff Punkt 12 ein und aus. Er sollte geschlossen werden, weil die Stadt kein Geld ausgeben wollte für einen mädchenspezifischen Treffpunkt. Gemeinsam mit den anderen jungen Frauen und Mädchen habe ich gekämpft, dass der Mädchentreff nicht geschlossen wird. Und dies mit Erfolg: Bis heute gibt es diesen tollen Treffpunkt. Diese Erfahrung hat mich politisiert.
Zürich wählt vielleicht im Februar eine Lesbe zur Stadtpräsidentin (Corine Mauch, SP). Könntest du dir auch vorstellen, in einer Exekutive – z.B. Gemeinderat Bern – mitzuwirken?
Momentan nicht. In der Jungen Alternative Politik zu machen, heisst für mich hinzusehen, wenn alle anderen schon lange die Augen verschliessen. Kritischer und frecher zu sein als andere «etabliertere» Parteien. Mit Kreativität und Improvisation statt festgefahrener Tradition zu politisieren. Es wäre ein Widerspruch, wenn eine Vertreterin der JA! in der Exekutive der Stadt Bern mitwirken und Mehrheitsentscheide mittragen würde.
Du gehörst zur Partei «Junge Alternative» – eine Partei am linken Flügel. Ihr seid in der Opposition. Was ist in deiner Politarbeit besonders anspruchsvoll?
Die JA! versteht sich deshalb in erster Linie als offene Plattform für junge AktivistInnen. JA! Politik heisst, Sensi bilisierungsaktionen auf der Strasse zu organisieren, Mitarbeit in ausserparlamentarischen Bündnissen und aber auch die Vertretung im Stadtparlament. Alles unter einen Hut zu bringen ist höchst spannend, aber auch anspruchsvoll.
Du bist ja seit 2005 Stadträtin und hast dich mit Vorstössen für die Gassenküchen, das Paradiesli und für weniger Repression im Bahnhof Bern stark gemacht. Woher nimmst du die Motivation, dich gerade für diese Dossiers zu engagieren?
Ich verurteile, dass Menschen, die nicht einer gehobenen sozialen Norm entsprechen, ausgegrenzt und ihre Rechte und Anliegen als zweitrangig betrachtet werden. Sei es, weil sie nicht in einer «normalen» Wohnung leben, drogenabhängig sind oder andere Menschen auf der Strasse fragen, ob sie etwas Geld haben. Sie sind Menschen wie alle anderen auch, und sie haben das Recht, dass sie als solche behandelt werden.
Die obgenannten Vorstösse könnten auch von einer Heterofrau eingereicht worden sein. Siehst du in der neuen Legislatur vor, lesbisch-schwule Anliegen in deine Politik zu integrieren?
Ich habe mich auch in der letzten Legislatur für lesbisch-schwule An liegen stark gemacht. Beispiels weise für die rechtliche Gleichstellung bezüglich Pensionskassengelder von Lesben und Schwulen, welche in der Stadtverwaltung arbeiten. Oder für die Thematisierung von Homosexualität in allen Stadtberner Schulen. Viele konkrete Forderungen, welche die Gleichstellung homosexueller Menschen anbelangen, sind in der Schweiz auf kantonaler oder gar nationaler Ebene geregelt und daher auf Stadtebene nicht oder nur ganz am Rande zu beeinflussen.
Die Homophobie nimmt eher wieder zu – auch in Bern gibt es Übergriffe auf Schwule (z.B. auf der Allmend) – müsste nicht mehr Polizei in der Stadt präsent sein, um die Sicherheit uns aller zu gewährleisten?
Mehr Polizei einzusetzen ist nicht die Lösung homophobe Gewalt zu bekämpfen. Es braucht Aufklärung und Sensibilisierungskampagnen in den Schulen, in Elternvereinen, in pädagogischen Ausbildungsgängen usw. So können Ängste und Vorurteile abgebaut werden und homophobe Gewalt präventiv bekämpft werden. Wichtig ist auch, dass Themen wie homophobe Gewalt nicht tabuisiert werden, sondern öffentlich gemacht werden.
Vielen Dank für das Interview und nochmals herzliche Gratulation zur Wiederwahl!
Das Interview mit Anne Wegmüller hat René Böhlen geführt.
