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Buchtipps Schwubliothek

Virginia Woolf: Mrs DallowayVirginia Woolf: Mrs Dalloway

Virginia Woolfs Roman über einen Junitag in London im Jahr 1923 ist ein modernistisches Meisterwerk, ein Klassiker der Weltliteratur.

Die Geschichte beginnt mit Clarissa Dalloway, die frühmorgens aufbricht, um Blumen für die Party zu besorgen, die sie am Abend geben wird. Ihre zufälligen Begegnungen mit Bekannten und Fremden, die so typisch sind für das Leben in der Grossstadt, prägen auch das Erzählungsmuster: Wir bewegen uns von einer Figur zur anderen; fliessend und gleichzeitig bruchstückhaft breitet sich die Handlung vor uns aus.

Lesbische Klischees?


Neben Clarissa stehen drei weitere Figuren im Zentrum des Interesses: Peter Walsh, der Clarissa in ihrer Jugend einen Heiratsantrag gemacht hatte und sich seit kurzem, nach einem langen Aufenthalt im kolonialen Indien, wieder in London befindet; der von seinem Dienst im Ersten Weltkrieg schwer traumatisierte Septimus Warren; und Clarissas Tochter Elizabeth, eine moderne junge Frau, die sich zu ihrer puritanisch-frommen Tutorin Doris Killman hingezogen fühlt.
Diese emotionale Beziehung ist Clarissa ein Dorn im Auge, weckt aber auch Erinnerungen an ihre Jugend, ihre eigene intensive Freundschaft mit Sally Seton – eine Freundschaft, die Clarissa unumwunden als Liebe bezeichnet. Als LeserIn fragt man sich: Ist die strenge Tutorin Doris, deren sprechender Nachname sie als männermordendes Monster abstempelt, nicht ein billiger, homophober Witz? Wie passt dies zusammen mit der hocherotischen Sprache von Clarissas Erinnerungen an Sally?

Die Kunst der Undurchsichtigkeit


Mrs Dalloway ist bestimmt kein frühes Manifest für die Gleichwertigkeit homosexueller Beziehungen: Sowohl Clarissa als auch Sally heiraten und verlieren danach über Jahre hinweg den Kontakt zueinander. Clarissas Tochter Elizabeth mag sich anfangs zu Doris Killman hingezogen fühlen, doch gegen Ende des Romans scheint ein Bruch vollzogen. Handelt es sich also nur um gleichgeschlechtliche Phasen, die man früher oder später überwindet? Führt uns der Roman vielmehr die Macht von Konventionen vor Augen, in deren Rahmen lesbische Beziehungen beinahe unmöglich sind? Ist Clarissa bisexuell? Und vor allem: Warum entscheidet sich Clarissa für eine Hochzeit mit Richard Dalloway und gegen Peter Walsh? Weil Peter einen Kuss zwischen Clarissa und Sally unterbrach?
Einer der Aspekte, die Mrs Dalloway so faszinierend machen, ist die Kombination von Alltäglichkeit und Geheimnisvollem: Die Normalität ist gleichzeitig von mystischer Schönheit und abgründiger Rätselhaftigkeit. Selbst der kleinste Moment reicht für die Figuren, die ihn durchleben, tief in die Vergangenheit, weckt Erinnerungen, Sehnsüchte und auch Ängste. Virginia Woolfs Roman ist wunderbar leicht zu lesen – und herrlich schwierig zu ergründen.

Martin Mühlheim
Infos
Datum: 01.02.2009
Autor: Schwubliothek
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