Ronny Blaschke: VersteckSpieler
Die Geschichte des schwulen Fussballers Marcus Urban
Wahrscheinlich wäre jedes Coming Out eine Geschichte wert. Und jede dieser Geschichten lesenswert; vorausgesetzt, sie ist gut erzählt. Solche Geschichten, nun, irgendwie geht’s jeden Homosexuellen was an, das kennt ein jeder (bei Frau dürfte es nicht viel anders sein), da war die Pforte, da musste man durch. Aber irgendwie ist’s halt doch bei jedem anders, der eine ist sich früh im Klaren und geht zielstrebig drauf zu, der andere spürt was, aber es fehlt ihm das Unbedingte, das absolut Drängende, und da vergeht Zeit, da macht einer Umwege, so wie Marcus Urban. Der war Kind und Jugendlicher, als es die DDR noch gab, als die Mauer noch stand, dort der Westen, und dieser Marcus Urban im Osten. Fussball-Star hatte er werden wollen, sein Traumbild der Pélé. Für sein Ziel hatte er trainiert, eingesteckt, ausgeteilt (er war auf dem Weg ins DDR-Nationalteam) – aber irgendwann war fertig, zuviel Selbstverleugnung seiner wahren sexuellen Gefühle; Isolation und Selbsthass wurden unerträglich – und also erodierten seine Schutzdämme. Da begann einer sein Versteckspiel zu begreifen, da begann einer sich frei zu schaufeln. Erzählt wird uns diese Geschichte nicht vom Betroffenen selbst, erzählt wird sie uns von Ronny Blaschke. Dieser Sportjournalist, 1981 geboren, der u.a. für die Süddeutsche Zeitung und die NZZ schreibt, dieser Blaschke liefert uns einen Report, er führt einen nah dran, man liest über die Kindheit des Helden, über seine Zeit in der Jugendsportschule Erfurt, seinen Sommer in Neapel, über sein Strampeln, über seinen Befreiungskampf, seine Emanzipation. In die Haut des Helden aber schlüpfen wir als Lesende indes nicht; wir sind nicht in seinem Kopf und nicht in seinem Herzen. Weil: Das hier ist kein Roman, wir bleiben aussen vor, aber wir erhalten eine gut geschriebene Geschichte vorgesetzt über ein Thema, das offenbar nach wie vor ein Tabu darstellt: Homosexualität im Profifussball.Herbert Gruber
Ronny Blaschke «VersteckSpieler»
141 Seiten, Verlag Die Werkstatt.
