Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt
Ein Stapel Fotos und vier selbst besprochene Kassetten, das ist Rosamonds Vermächtnis an Imogen, die verschollene Enkelin ihrer Cousine Beatrix.
«Weisst du, so etwas wie einen Regen, bevor er fällt, gibt es nicht. Er muss erst fallen, sonst ist es kein Regen.»«Natürlich gibt es so etwas nicht, gerade deshalb ist es ja mein Lieblingsregen. Es kann einen doch auch etwas glücklich machen, das es gar nicht wirklich gibt, oder etwa nicht?»
Ein Stapel Fotos und vier selbst besprochene Kassetten, das ist Rosamonds Vermächtnis an Imogen, die verschollene Enkelin ihrer Cousine Beatrix. Mit ihren Aufzeichnungen will Rosamond dem blinden Mädchen die Familiengeschichte erklären und ihr so das schreckliche Geschehnis begreiflich machen, dass ihr einst das Augenlicht nahm. «Ich möchte dir, Imogen, mehr als alles andere, eine Vorstellung von deiner Geschichte vermitteln. Du sollt ein Gefühl dafür bekommen, wo du herkommst, und welches die Triebkräfte waren, die dich hervorgebracht haben.» So beginnen die Tonband-Aufzeichnungen, die Rosamond hinterlassen hat.
Sie ist die Einzige, die der längst erwachsenen Imogen die unheilvolle Geschichte ihrer Familie erzählen kann. Anhand von zwanzig Fotografien erinnert sie sich. Im Zentrum ihrer Erzählung steht Imogens Grossmutter Beatrix, die unter der fehlenden Liebe ihrer Mutter litt und deshalb früh von zu Hause flüchtete; die die selbst erlebte Gefühlskälte an ihre Tochter Thea weitergab und so den Weg zu dem schrecklichen Unglück ebnete, dass Imogen für immer das Augenlicht nahm. Mit grossem Einfühlungsvermögen deckt Rosamond das dunkle Familiengeheimnis auf, schildert Imogen aber auch all die wunderbaren Momente ihres Lebens und weckt so Verständnis für eine unverständliche Tat.
Dass Rosamond lesbisch ist, erfährt man ganz nebenbei. Wie selbstverständlich dies einfliesst, ist ein grosser Pluspunkt dieses Romans. Die Geschichte führt bis zum 2. Weltkrieg zurück. Dabei kommt zum Ausdruck, wie versteckt lesbische Frauen ihre Liebe damals leben mussten. Wir erfahren, wie eine Frauenliebe unter dem Druck «nicht wirklich existent» zu sein, leiden bzw. scheitern musste. Aber auch, wie viel Glück und Erfüllung darin lag. Erstaunlich, mit welch poetischer, feiner Sprache der Autor, ein Mann, diesen bewegenden Frauenroman über drei Generationen schreibt. Eine einfühlsame Beschreibung über das verzweifelte Streben nach Liebe und dem Lebensglück.
Caro Lynn von Ow, Buchhandlung Irene Candinas, Bern
Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt
Roman, gebunden, sFr. 34.90
Ein Buchtipp der Frauenbuchhandlung Irene Candinas, Münstergasse 41, 3011 Bern
