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Michael Cunningham: Ein Zuhause am Ende der Welt
Bobby, Jonathan, Alice, Clare – das sind die vier Figuren, die in Michael Cunninghams Roman "Ein Zuhause am Ende der Welt" abwechslungsweise die Rolle des Erzählers bzw. der Erzählerin übernehmen. Es entsteht ein ähnlich kunstvolles Mosaik wie in Cunninghams späterem, preisgekröntem Roman "Die Stunden (The Hours)".
Bobby erfährt gleich zu Beginn des Romans einen dreifachen Verlust: Zuerst stirbt sein Bruder während einer Party im elterlichen Haus, danach kommen sowohl seine Mutter als auch sein Vater ums Leben. Jonathan, der die gleiche Klasse besucht wie Bobby, bringt den verwaisten Schulfreund mit zu sich nach Hause. Schnell wird der Junge als neues Familienmitglied akzeptiert, und besonders die Mutter, Alice, entwickelt eine innige, auch komplizierte Beziehung zu ihrem Ziehsohn.Ein intimes Epochenbild
Der Roman konzentriert sich allerdings nicht allein auf Familiengeschichten oder auf die Freundschaft zwischen Bobby und Jonathan, sondern zeichnet mit grosser Sorgfalt ein atmosphärisch dichtes Bild des amerikanischen Vorstadtlebens in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren. Cunninghams Beziehungsporträt entpuppt sich – ganz wie Jeffrey Eugenides’ Meisterwerk "Die Selbstmord-Schwestern (The Virgin Suicides)" – zunehmend zu einem Abgesang auf die Hoffnungen und Träume der amerikanischen 68er-Generation.
Im Unterschied zu Eugenides führt Cunningham die Geschichte allerdings fort bis in die 1980er-Jahre: Jonathan zieht nach New York, Bobby folgt später nach. Jonathan lebt mittlerweile offen schwul, möchte aber trotzdem mit seiner Mitbewohnerin Clare ein Kind zeugen. Dieser Plan wird jedoch durch die leidenschaftliche Beziehung zwischen Clare und Bobby in Frage gestellt – eine Beziehung, die Jonathan auch schmerzt wegen seiner nur halb eingestandenen Liebe zu Bobby.
Sehnsucht und Geborgenheit
Die Suche nach einem Zuhause – nach stabilen Beziehungen, nach Liebe und Geborgenheit – bildet ein zentrales Motiv in Cunninghams Roman. Die Skepsis gegenüber konventionellen Formen des Zusammenlebens führt dabei nicht zu einer naiven Idealisierung alternativer Lebensformen: Auch Patchworkfamilien haben Probleme; der Versuch, ein eigenes Beziehungskonzept zu entwerfen, bedeutet auch besondere Anstrengung, bisweilen grössere Ungewissheit.
"Ein Zuhause am Ende der Welt" schafft es mit anderen Worten, die Balance zu halten zwischen Wehmut und Zuversicht, selbst in den traurigsten Momenten. Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf diese behutsame Geschichte einzulassen, werden später vielleicht Einzelheiten des Plots vergessen, nicht aber die emotionale Intensität von Cunninghams Erzählung. Am Ende steht ein Abschied voll Trauer, doch ohne Verzweiflung. Und die Erinnerung an ein aussergewöhnliches Buch.
Michael Cunningham
Ein Zuhause am Ende der Welt
(OT: A Home at the End of the World)
btb Verlag, 2004, ISBN-13: 978-3442732975
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