Jean Cotter – Ein Portrait
Tuntenhaus, Klappe, En Jean T., Coq oder SOS sind nur ein paar Stichworte, die die verschiedenen Seiten von Jean Cotter beleuchten. Ich freute mich sehr auf das Gespräch, ahnte aber nicht, dass es so vielseitig sein würde. Und so war die Begegnung mit ihm höchst spannend!
Ich erschien zu unserem Termin mit einem leeren Block. Mein Auftrag: «Schreib ein Portrait über Jean!». Nach dem Gespräch sitze ich nun da und stelle fest, dass es nicht einfach ist, so viele Facetten einer Person unter einen Hut zu packen.Die 80er waren in vollem Gange. Jean kam aus dem Wallis nach Bern. Er erzählt mir, dass er damals als Coiffeur arbeitete und bald den Coiffeursalon FHK (Freie Haar Kultur) gründete, später rief er dann SOS (Sisters of Scissors) ins Leben. Nebenbei setzte er sich immer wieder für die schwulen und lesbischen Rechte ein. Er warf dafür unter anderem sogar öffentlich mit Handtaschen! Für solche Aktionen schlüpfte er jedoch in die Rolle der En Jean T. Als Dragqueen kämpfte er aber nicht nur für die Rechte von Schwulen und Lesben, sondern moderierte auch regelmässig Anlässe. Das macht er auch heute noch. «Ich kann als En Jean T. viel frecher sein», antwortet Jean auf die Frage, warum er sich denn verkleide. «Ich komme sonst nicht so aus mir raus.» Es ist tatsächlich ein ruhiger Mann, der mir gegenüber sitzt und hat so gar nichts gemeinsam mit der Dragqueen En Jean T., die auch ich kenne. «Sie» ist und war lange Gastgeberin von Parties wie TrueColors oder der Coq-Party, die Jean übriges auch mitorganisiert. Auf meine Frage hin, warum er sich so engagiere, weiss er im ersten Moment keine Antwort. Doch dann meint er schlicht und einfach: «Es macht Spass!» Zum Beispiel biete er an jeder Coq-Party eine Bühne für Leute, die was ausprobieren möchten, neue Ideen umsetzen wollen. So sind Abwechslungen garantiert.
Abwechslungen scheinen Jean wichtig zu sein. So gestaltet er seinen Haarsalon regelmässig neu. Und er arbeitet auch nicht nur als Coiffeur, sondern dekoriert Schaufenster und stylt auch mal Stars auf Filmsets. Er wirkte bei verschiedenen Fernsehproduktionen mit, unter anderem beim Schweizer Kino-Hit «Die Herbstzeitlosen». Dort war er für Make-up und Hair zuständig und puderte auch Filmikone Stephanie Glaser!
Selbst steht er auch auf der Bühne. Als Sänger wirkte er bei den Snack Beat Toys und aktuell bei der Blues Horror Brigade mit. Er sei eigentlich ein Glückspilz, sagt er über sich selbst. Er sei positiv eingestellt und betont, dass dies auch im eigentlichen Sinn zu verstehen sei. «Ich bin positiv, HIV-Positiv» sagt er und fügt hinzu: «Damals vor 22 Jahren gab man mir nicht mehr viel Zeit zu leben.» Ich frage ihn, wie es ist, damit zu leben? «Ich denke jeden Tag daran. Die Tabletten erinnern Dich immer wieder, dass Du’s hast. Und auch wenn Du jemanden kennen lernst!» Und trotzdem meint er, sei er glücklich. Er erzählt mir von Ferienerlebnissen in Mosambik und von glücklichen Zufällen und strahlt. Ich frage ihn zum Schluss, ob er eigentlich noch Wünsche oder Träume habe? Er studiert und antwortet schliesslich: «Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen, sind mühsam. Ich habe nur Träume. Denn Träume bleiben immer irgendwie Träume!»
