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Mousse des Monats

Europa schaut Eurovision

Europa schaut Eurovision

Am 29. Mai wird sich ganz Europa vor den Fern­seh­bild­schirmen versammeln, um über die Musik der Nachbarn zu urteilen. Zum 55. Mal findet der Eurovision Song Contest statt, diesmal in Oslo. DJ Ludwig (Tolerdance) hat sich die 39 Songs angehört.

«Satellite» der deutsche Beitrag von Lena Meryer Landrut wird als grosser Favorit gehandelt, und das nicht nur von den Deutschen! Die unkonventionelle Sängerin mit ihrer aussergewöhnlichen Art zu singen und der eingängige Song kommen gut an, vor allem im westlichen Europa. 12 Punkte aus der Schweiz wären keine Überraschung. Ob wir als Gegenleistung von Deutschland auch Punkte erhalten für unseren Beitrag «Il pleut de l’ore» von Michael von der Heide? Damit die Deutschen überhaupt für uns anrufen können, muss der sympathische Schwule Sänger und Euovision-Fan aber erst den 2. Halbfinale (27. Mai) bestehen. Die Konkurrenz ist stark. Der Song von Micheal von der Heide ist zwar eingängig, aber irgendwie fehlt ihm der Power. Es kommt also ganz darauf an, wie sich Michael an diesem Abend vor dem Millionenpublikum präsentiert. Auf der grossen ESC Bühne in Oslo bekommt er jedenfalls starke Unterstützung. Als Backgroundsängerinnen dabei sind Freda Goodlet von den Funky Brotherhood (siehe Interview in gayAgenda Januar 2010), Amanda Nikolic, Ex-Tears und aktuell mit dem Elektroprojekt Gogomandy unterwegs und die junge Bernerin Sibylle Fässler, die grad ihr erstes Soloalbum veröffentlichte.

Viele Stimmen von Schwulen und Frauen erhalten wird der «schönste Teilnehmer 2010“ – wie die Israelis selber behaupten. Hübsch ist Harel Skaat, der wie viele andere an diesem Wettbewerb bekannt wurde durch eine Casting-Show. Seine dramatische auf Hebräisch gesungene Ballade «Milim» überzeugt, wird es aber schwer haben. Denn in diesem Jahr werden wir von Balladen überflutet. Die Ballade, welche in den Wettbüros am besten gehandelt wird, kommt aus Azarbaijan, heisst «Drip Drop» und könnte von Leona Lewis sein. Geschrieben wurde der Song von schwedischen Hitproduzenten und gesungen wird er von dem hübschen Casting-Star Safura.

Meine Lieblingsballade kommt allerdings aus Spanien. Daniel Diges könnte mit seinem Song «Algo pequeñito» die seit Jahren erfolglosen Spanier wieder in die vorderen Plätze bringen. Meine Stimme hat er!

Ansonsten gibt es die übliche Eurovisions-Kost: popige Tanznummern, mal mit volkstümlichen Elementen, mal mit aufwändigen Choreographien, mal mit ausgefallenen Kostümen oder alles aufs Mal. Besonders auffallend, die vielen wilde Violinen-Solos. Kopien vom Gewinner-Song 2009 «Fairytale» von Geiger Alexander Rybak. Da freut man sich, dass auch noch anderes Platz hat. Auffallen wird InCulto aus Litauen mit «East European Funk» – der Titel sagt alles. Balkan-Disco gib es vom androgynen Milan Stankovic. «Ovo je Balkan» wurde von Serbiens bekanntestem Komponisten Goran Bregovi geschrieben. Die Türkei schickt die Rockband Manga mit «Be The Same» – tönt wie Ramstein in der Disco – und aus Estonien kommt psychedelischer Alternativrock von Malcolm Lincoln.

Eine spezielle Erwähnung verdienen Feminnem. Die drei Frauen waren schon 2005 dabei und erreichten damals nur den 14. Platz mit dem Abba-mässigen Song «Call Me». Damals starteten sie für Bosnien Herzegowina. In diesem Jahr gehen sie für Kroatien an den Start mit einer Ballade in ihrere Landessprache. Feminnem sind grosse Stars im Balkan und werden viele Punkt sammeln können.

Und dann gibt natürlich noch die ganz üblen Songs: Holland ist mit einem seichten Schlager vertreten, komponiert von Vader Abraham (ja, der mit den Schlümpfen) und gesungen von der herzigen Sieneke. Passt eher in den Musikantenstadel. Dorthin gehört auch der Song aus Slovenien. Sie mischen Volksmusik mit Rock auf eine sehr ungeniessbare Art. Und dann all die öden Balladen von ehemaligen Casing-Show Grössen oder Übergewichtigen mit voluminösen Stimmen– zum abwinken! Am meisten Spass beim Schauen des Eurovision Song Contests macht eh das Lästern! Wir dürfen uns also auf einen unterhaltsamen Abend freuen.

Bild, von oben links nach unten rechts: Milan Stankovic (Serbien), Lena Meyer-Landrut (Deutschland), Michael von der Heide (Schweiz), Daniel Diges (Spanien), Hera Björk (Island), Feminnem (Kroatien), Safura (Azarbeijan), Harel Skaat (Israel)


Eurovision Song Contest
1. Halbfinal 25. Mai
2. Halbfinal 27. Mai (mit Michael von der Heide);
Finale 29. Mai live aus Oslo, Norwegen.

Golden Tolerdance Euro-Disco
21. Mai, 22 Uhr, ISC
DJ Ludwig und Corey; Strictly european sounds: Italo-Disco, French House, NDW, Britpop, Eurovision …
Kommentare

Am 01. Mai 2010 gegen 09 Uhr meinte STS, Redaktor gayAgenda

SCHWEIZ/SUISSE/SVIZZERA/SVIZRA:

Tja, von der Heides Song fehlt leider wirklich die Power. Ein eigentlich glücklicher Text wird musikalisch so lahm begleitet und mit Background-Stimmen so hinterlegt, dass dieses Chanson eher an ein Trauerspiel erinnert. Und Michi musste offenbar so oft üben und dabei logischerweise im Goldregen stehen, dass sogar seine Blousons vor Gold strotzen. Leider wird auch dieses Jahr la Suisse kein Gold mit nach Hause bringen. Das wird Europa freuen, denn wer die Meinung von Miteuropäern über die Schweiz kennt, hätte einen Song mit "Gold" nie ins Rennen geschickt. Das wirkt wie eine Klatsche ans übrige Europa. Scha(n)de, liebe SRG SSR idée Suisse!

Am 01. Mai 2010 gegen 10 Uhr meinte STS, Redaktor gayAgenda

UNITED KINGDOM:

Der Beitrag des Vereinigten Königreichs ist leider schlechter als jener letztes Jahr: Der Song wurde von zwei von Kylies und Rick Astleys Hit-Producers aus den 80ern geschrieben (der Anfang tönt genau wie "Better the devil you know" von Kylie). Der 19-jährige Sänger trifft noch nicht ganz jeden Ton, aber seine Stimme tönt recht männlich und attraktiv. Aber: Leider sind die zwei Produzenten, Pete Waterman und Mike Stock, in die Jahre gekommen, und man hört dem Song an, dass sie keine grossen Sprünge mehr on the Dancefloor machen können. Der Anfang verspricht eine geile Disconummer, aber der lahme Refrain mit mindestens einem Umweg zuviel bricht einem den Rücken und lässt einen bis zum Schluss auf irgendeinen Höhepunkt hoffen – und dann ist der Song schon vorbei, der wie ein Füller auf einem schlechten Album von Rick Astley tönt.

Am 01. Mai 2010 gegen 11 Uhr meinte STS, Redaktor gayAgenda

ICELAND:

Da lieben wir doch Beiträge wie "Je ne sais quoi" aus Island: Die feurige Insel hat nicht nur gerade halb Europa in Flughäfen gestrandet vereint, sie macht es jetzt auch am ESC: Mit einem englischen Text und französischem Refrain und einer Sängerin mit Namen aus der griechischen Mythologie, die der immer wieder mal am ESC präsenten maltesischen Pfunzel (sorry!) Chiara gleicht. Das einzig isländische daran ist der zweite Name: Björk. Der Song im typischen ESC-Stil aus der prä-Balkanpop-Ära ist für mich der paneuropäischste Song dieses Jahr und bekommt von mir einige Punkte.

Am 01. Mai 2010 gegen 11 Uhr meinte STS, Redaktor gayAgenda

UND DER REST:

Oder, was Balladen angeht, lieben wir solche, wie jene aus Portugal. Abgesehen von ein paar stimmlichen Unsicherheiten der jungen Sängerin, ist dieser Beitrag echte ESC-Kost, die eingefleischte (und das setzt eine etwas längere Mitverfolgung des ESC voraus) Fans zu schätzen wissen. Portugal hat sich in den letzten Jahren ESC-mässig gemacht und braucht besonders dieses Jahr ein paar Erfolge, wenn hier auch nur künstlerischer Art. Die kriegt von mir jedenfalls Punkte.

Kroatiens Ballade wird sicher alle Stimmen aus Osteuropa, aber auch von woanders einheimsen. Es ist zwar nicht wirklich neu, dass Kroatien mit Balladen an den Start geht, aber diese hier ist eine gute Mischung aus Klängen aus dem Balkan und internationalem Pop.

Et maintenant à la France: Der gute Jessy Matador ist wahrscheinlich Fussball-Fan. Er hat aber die FIFA mit der EBC verwechselt. La Coupe Mondiale, mon cher, c’est seulement en juin! Keine schlechte Geschäftsstrategie, denn alles in allem ist „Allez, olla, olé“ ein fetziger Song, der bestimmt ESC-Punkte- aber viel mehr Strandbar-Potenzial hat (wird auch so angepriesen). Kein Wunder, er tönt wie une mixture aus dem WM-2006-Zidane-Materazzi-Kopfstoss-Song „Coup de boule“ und dem letztjähigen Sommerhit in Frankreich „Même pas fatigué“ von Khaled. Ein paar Punkte.

Ludwig hat Recht, was den Beitrag aus Holland angeht: Der gehört in den Musikantenstadl. Vielleicht gibt es eines Tages einen Euro-Musikantenstadl. Diesen Song würde ich da unterstützen, wenn ich mir denn so eine Show antäte. Aber in einer peppigen-Disco-oder-schnulzige-Balladen-Show wie dem ESC: 0 Points, sorry.

Deutschlands Beitrag tanzt aus der Reihe und ist eingängig. In den Radios schon auf und ab gespielt, hat dieser Song gute Chancen auf Erfolg am ESC. Der Beat ist zugegeben geil. Mich erinnert der Song ein bisschen an etwas von Lily Allen. Alles in allem wirkt die Sängerin auf mich aber zu absichtlich und aufgesetzt sperrig.

Dänemarks Beitrag ist ein typisches Pop-Rock-Duett mit einem dänischen Bryan Adams ohne Geld für den Coiffeur und einer exotisch aussehenden Sängerin. Das Konzept, die Stimmen und der Song passen, es könnte für Dänemark seit langem das beste Abschneiden geben. Es könnte sich genauso gut um ein Duett von zwei bekannten Pop-Rock-Grössen handeln. Nur die Namensgebung des Projekts erinnert ans übliche Zusammensuchen von passablen Stimmen für den ESC. Trotzdem, einige Punkte.

Zum Thema „Projekte“ gehören auch die Beiträge aus Zypern und Moldawien. Liedchen gesungen von bunt zusammengewürfelten Truppen, wahrscheinlich aus einer Casting-Show. Lieblos komponiertes Geträller und monotones Discogestampfe, Moldawien immerhin mal mit Saxophon-Solo. Dass dieses Konzept aber nicht aufgeht, wissen wir spätestens seit dem erfolglosen Schweizer Projekt „Six for One“.

Zurück nach Skandinavien: Auch Schwedens Lied fehlt leider die nötige Power. Die Sängerin ist herzig, die Stimme gut, nur der Song ist belanglos, fade und hat auch keinen richtigen Höhepunkt. Schade. Aus Schweden sind wir kräftigeres gewohnt. (Okay, auf das angsteinflössende, ohrenbetäubende Geheule der Opernsängerin im letzten Jahr können wir auch weiterhin verzichten ...)

Zu guter Letzt würde ich gerne etwas schönes über den Beitrag Spaniens sagen, Ludwigs Favoriten. Leider verwirren mich die krausen Haare des Sängers und Musik aus dem Zirkus hat mir immer schon Angst gemacht. Freuen kann ich mich da nur darüber, dass la canción mit einer guten Stimme en español gesungen ist. (Übrigens frage ich mich noch heute, wieso die letztjährige Disconummer so schlecht abgeschnitten hat. Ich höre sie jedenfalls immer noch.)

Am 02. Mai 2010 gegen 10 Uhr meinte STS, Redaktor gayAgenda

Nochmals zurück zum UK-Song: Nach mehrmaligem Hören muss ich die Kritik etwas abschwächen. Es ist ein grower, nach ein paar Mal hören kommt der Song besser. Aber trotzdem ist der Refrain zu lang. Die ersten zwei Zeilen sind gut, aber dann kommen irgendwie noch vier statt zwei Zeilen, was mich zu lang dünkt. Und im Refrain ein paar höhere Töne würde dem Song gut tun. Aber vielleicht hätte das stimmlich nicht geklappt. Egal, wie gesagt, nach ein paar Mal hören ist der Song gar nicht sooo schlimm und Josh ist ein Süsser. Er kriegt nun doch ein paar Punkte von mir.

Am 07. Mai 2010 gegen 19 Uhr meinte STS, Redaktor gayAgenda

HRVATSKA:

Zurück zum Beitrag aus Kroatien. Dieser mausert sich bei mir langsam zum Favoriten unter den Balladen. Besonders die dritte Stimme (die auch den Schluss singt) hat es mir angetan. Zugegeben auch die umwerfend schöne Frau, der die Stimme gehört. Ein rundum sehr gelungener Song mit einer eingängigen Melodie, richtig getimten schnelleren und ruhigen Passagen, und obendrein mit drei attraktiven Sängerinnen. Falls doch noch Hetero-Männer diesen Contest sehen, müssten Femminem eigentlich abräumen!

Am 08. Mai 2010 gegen 20 Uhr meinte ann

hi, weiss jemand ob ein eurovision abend in bern stattfindet - wo? Thanks

Am 13. Mai 2010 gegen 16 Uhr meinte Tinu

oooh meine Lieben vergesst Weissrussland nicht!! Für mich einer der schönsten und besten Beiträge dieses Jahr! 12 points for BELARUS!!

Am 27. Mai 2010 gegen 20 Uhr meinte STS, Redaktor der gayAgenda

UK:

Hat sich jemand schon mal die CD und v.a. den UK-Beitrag darauf angehört? Was ist da passiert? Der ist ja WIRKLICH lahm! Der arme Josh wurde im Musikantenstadl-Studio aufgenommen! Ich hoffe, dass jene, die für UK abstimmen wollen, sich NICHT die CD anhören, denn sonst gibts auch für Josh 0 points. Ich kanns kaum fassen. Wer kann/will zu diesem Bettmümpfeli tanzen? Falls es solche gibt, bitte NICHT bei mir melden! ;-)

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Infos
Datum: 27.04.2010
Autor: Ludwig Zeller
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