«Ein perfekter Kellner» von Alain Claude Sulz
Als erster Schweizer Autor erhielt Alain Claude Sulzer im Jahr 2008 den prestigeträchtigen „Prix Médicis étranger“, den vor ihm literarischen Grössen wie Milan Kundera, Umberto Eco und Orhan Pamuk entgegen genommen hatten. Dass es sich beim ausgezeichneten Roman um einen Text mit schwulem Thema handelt, macht das Ereignis noch bemerkenswerter.
Der Titel der französischen Ausgabe von Sulzers Roman ist dabei ein schöner Beleg für Salman Rushdies These, beim Übersetzen eines Textes könne man auch etwas hinzugewinnen: „Un garçon parfait“ heisst nicht nur „Ein perfekter Kellner“, sondern auch „Ein perfekter Junge“ – und beides meint der Erzähler, Erneste, im deutschen Lernkellner Jakob gefunden zu haben.Blick zurück
Die Erzählung beginnt im Jahr 1966, als Erneste nach Jahren des Schweigens einen verzweifelten Brief von Jakob erhält, der seit langem in den Vereinigten Staaten lebt. Dieser Brief weckt Erinnerungen in Erneste an die Zeit zwischen den Weltkriegen, als er im Grandhotel Giessbach im Berner Oberland arbeitete. Jakob war neunzehnjährig, als er 1935 im Hotel ankam, und der bildhübsche Junge faszinierte Erneste sogleich. Bald schon sind die beiden ein glückliches Paar – im Verborgenen, versteht sich; eine sichtbare schwule Beziehung ist im gegebenen Umfeld natürlich undenkbar.
Was zwischen dieser Zeit des gemeinsamen Glücks und Jakobs Brief drei Jahrzehnte später liegt, enthüllt der Roman in behutsamen Schritten und soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur soviel: Wer sich ein wenig auskennt mit der Biographie des grossen Schriftstellers Thomas Mann, der wird viel Freude haben am Porträt des berühmten deutschen Autors Julius Klinger, der 1936 als Gast im Grandhotel weilte und den Erneste nun, in den 1960er Jahren, erneut aufsuchen wird.
Stärken und Schwächen
Nicht alles an Sulzers Roman ist so gelungen wie dieses Porträt: Bisweilen wirkt der Stil etwas bemüht literarisch, als ob der Autor sich und den Lesern beweisen wolle, welch gehobenes Stück Erzählkunst „Der perfekte Kellner“ darstellt. Zudem werden die 1960er Jahre als soziales Umfeld trotz schöner Momente nicht wirklich lebendig.
Grossartig sind hingegen die Szenen im Grandhotel Giessbach; atmosphärisch dicht ist der Eindruck einer Gesellschaft, die, noch kaum vom Trauma des ersten Weltkriegs erholt, zunehmend krampfhaft versucht, die bedrohliche Gegenwart zu ignorieren. Unweigerlich werden Erinnerungen an das Davoser Sanatorium aus Thomas Manns „Der Zauberberg“ wach, dessen philosophische Tiefe Sulzers Roman zwar nicht erreicht, die der Text aber auch nicht wirklich anstrebt. Am besten liest man das Buch wohl als zärtlich-kritische Hommage in der Form eines gepflegten Melodrams, das sich stets vornehm zurückhält und deshalb die Grenze zum Kitsch vielleicht ab und zu streift, sie aber nie wirklich überschreitet.
Ein perfekter Kellner
von Alain Claude Sulzer
Suhrkamp Verlag
ISBN-13: 978-3518457412)
