Freizeit und Lifestyle
GayIcon: Scissor Sisters – filthy and gorgeous
In der Rubrik Gay Icons stellt die gayAgenda schwule Helden und lesbische Heldinnen vor. Diesmal die schrille New-Yorker-Band Scissor Sisters die 2006 mit «I don’t feel like dancing» einen Riesen Hit landeten und bald ihr langersehntes drittes Album veröffentlichen.
Als 2006 die Radiostationen beinahe stündlich die Scissor Sisters mit «I don’t feel like dancing» ankündigten, haben die meisten unter uns noch nicht so richtig an sie geglaubt. Erstens wusste kaum jemand, wer die fröhliche Truppe aus New York war, die uns überall entgegenschallte, zweitens weiss man, dass aus den meisten Newcomern nichts anständiges wird und drittens war der Song einfach zu gut, zu eingängig. Das konnte ja nichts Dauerhaftes werden. Wir wurden eines Besseren belehrt. Auch wenn sie hier zu der Zeit noch niemand kannte, so waren sie doch auf der anderen Seite des grossen Teiches schon ziemlich prominent. Von Newcomern konnte man also 2006 nicht mehr sprechen, hatten sie doch davor schon ein ganzes Album herausgebracht und bei den Brit-Awards 2005 gleich dreifach abgeräumt. In einem Punkt aber sollten wir recht behalten: Etwas Anständiges wird aus der Truppe wohl nie werden, zumindest ist das zu hoffen. Schliesslich macht ihre freche, burlesk-bunte Art ihren ganzen Charme aus, die Schwestern sind im ur-eigentlichsten Sinn des Wortes gay, so schreiend schrill wie es Bowie zu Zeiten von Ziggy Stardust war, so überdreht und selbstparodistisch wie die Village People und so frei von Berührungsängsten musikalischer, thematischer und ästhetischer Art, dass es schwerfällt ein zeitgenössisches Pendant zu finden. Die Schwestern machen weder vor Musikgrössen wie Kylie Minouge oder Elton John halt, ihre Texte über-queeren leichtfüssig die Grenze gutbürgerlichen Moralverständnisses und in ihren Videos wird unter anderem queerbeet geküsst geleckt und vor allem gezeigt, was das Zeug hält. Und so farbenfroh wie ihr Auftreten ist auch ihre Musik: ihr Mix aus Disco, Dance, Funk und Rock lädt – trotz dem Titel ihres grössten Hits – zum tanzen ein, ihre Experimentierfreudigkeit ist beachtlich und treibt teilweise sehr exotische Blüten (so zum Beispiel ihre stark Bee-Gees-lastige Version des psychedelic-Dinosauriers «Comfortably Numb») und in ihren Co-Produktionen mit anderen Künstlern bezeugen die Kontaktfreudigkeit und Offenheit der Band. Trotzdem kann man sich zu recht fragen, warum die unkonventionelle Gruppe ein so breit gefächertes Publikum gefunden hat. Möglicherweise liegt es daran, dass sich in ihrem Tun kein Vorwurf, kein Anzeichen von Betroffenheitskultur oder randgrüpplicher Introvertiertheit, sondern nur pure, bejahende Lebensfreude mit viel Witz und Ironie findet. Vielleicht liegt es aber auch an der musikalischen Qualität? Oder vielleicht darf man seit dem Durchbruch der Schwestern endlich auf ein Quäntchen mehr Offenheit seitens der grossen schweigenden Mehrheit hoffen. Wer weiss. Wissen tun es nur die Sisters, denn schliesslich behaupteten die ja 2003 auf dem Soundtrack zu «Partymonster» «we knew all the answers and we shouted them like anthems». Die «anthems» haben sie, dass wurde bewiesen. Und so lange sie die haben, sind mir die Antworten auch egal. Eine Antwort wird sich schon bald von selber geben: die Antwort auf die Frage, ob die Scherenschwestern ihr musikalisches Niveau auch beim dritten Silberling aufrecht erhalten konnten. Denn der steht ab Ende Juni in den Regalen. Viel Spass beim reinhören!
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