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Lesbischwules Bern

Das grosse Interview mit Andreas StadlerDas grosse Interview mit Andreas Stadler

Am 5. November fällt der Startschuss für das Theaterprojekt „Schnäu & Dräckig“, eine Fortsetzungs-geschichte in fünf Folgen. Yannick Walthert von der gayAgenda war bei den Proben dabei und hat sich mit dem Regisseur Andreas Stadler unterhalten.

Letzten Monat durfte ich bei der Probe einiger Szenen dabei sein und das dynamische Team um Andreas Stadler in Aktion erleben. Die motivierte Gruppe hat bereits bei ihren Proben bewiesen, dass Theater überhaupt nicht elitär und verstaubt sein muss, sondern eben auch Spass machen darf. Nach der Probe habe ich mich mit Andreas getroffen und mich mit ihm über Berlin, Bern, das Stück und dessen Figuren unterhalten.

Die Städte


Res, du führst ein Stück in Bern auf und du wohnst seit 20 Jahren in Berlin. Kannst du mir etwas über deinen Bezug zu den beiden Städten schildern?
In Bern bin ich aufgewachsen und ich fühle mich auch als Berner, trotz 20 Jahren Berlin. In der Nähe meines Hauses in Berlin gibt es einen schönen, sehr romantischen Friedhof, derjenige, auf dem die Gebrüder Grimm begraben sind. Ich bin einmal mit einem Freund an diesem Friedhof entlang spaziert. Wir kamen auf die Frage, wo wir mal gerne begraben werden möchten. Mir war völlig klar, meine Gebeine werden irgendwann nach Bern transportiert. Mein Freund, der aus dem Schwarzwald kommt, fand, er habe sein ganzes Leben lang dafür gekämpft, aus dem miefigen Schwarzwald herauszukommen und er wolle unbedingt in Berlin begraben werden. Da merkte ich, dass ich trotz allem Berner geblieben bin. Für uns Schweizer bleibt die Schweiz, auch wenn wir lange im Ausland bleiben, ein Sehnsuchtsort, eine Heimat, die man immer irgendwie im Hinterkopf behält. Man denkt sich „wenn es ganz schlecht läuft, dann komme ich einfach wieder zurück.“ Vermutlich ist das eine Illusion. Wenn man dann zurückkäme wäre es hier vielleicht genau so schwierig, oder man hätte hier vielleicht gar keine Freunde mehr. Aber trotzdem: Die Schweiz ist so eine Alternative, die man im Hinterkopf behält, die einem auch gewisse Kraft gibt. Man kann in Berlin abstürzen und hat immer das Gefühl „es gibt ja noch die Schweiz, die mich auffängt“. Interessanterweise habe ich festgestellt dass die Deutschen, auch wenn sie aus der Provinz kommen, nie zurück in ihre Orte möchten.

Was hat dich denn bewegt, nach Berlin zu gehen?
Nach Berlin bin ich, weil ich der Meinung war, ich wolle ein wildes Leben haben; und natürlich auch aus schwulen Gründen. Ich war in Hannover an der Schauspielschule, dann in Basel am Theater, in Luzern am Theater, zum Schluss in Konstanz am Theater. Dann habe ich gekündet, weil ich fand: „So, jetzt will ich in die Grossstadt, jetzt will ich es wissen.“ Ich fand es am Anfang sehr toll, in einem Quartier in Berlin zu sein, wo ich einen schwulen Bäcker und einen schwulen Friseur hatte und wo man als Schwuler fast das Gefühl hatte, einer Mehrheit anzugehören. Das hat mich sehr fasziniert, hat für mich aus heutiger Sicht aber auch eine problematische Seite. Man läuft Gefahr, die Verhältnismässigkeiten zu verlieren. Diese Gefahr besteht in Bern weniger; hier gibt es zu wenig Möglichkeiten, die zulassen, dass man sich als Schwuler nur noch unter Schwulen bewegt. In Berlin gibt es auch viele Schwule, die irgendwann einfach hauptberuflich Schwul sind. Das wird dann irgendwo auch langweilig. Ich finde, Leute können auch langweilig werden dadurch, dass sie nur noch in der schwulen Subkultur leben. Das ist übrigens auch Thema meines Stücks, es gibt da diese eine Figur, die irgendwann merkt: „Ich habe sehr viel Spass gehabt in Berlin, hatte ein Abenteuer nach dem anderen, aber was nun?“ Gerade diese Figur sehnt sich plötzlich zurück.

Kannst du mir vielleicht noch ein wenig genauer erzählen, was Berlin gerade für lesbischwule Leute so attraktiv macht?
Was mir an Berlin in dieser Hinsicht sehr gefällt, ist die extrem grosse Freiheit und Toleranz. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt auf dieser Welt, die dermassen frei ist, was Homosexualität angeht. Es ist vielleicht auch eine gewisse Gleichgültigkeit, man kann machen was man will und niemand schaut einem zu und niemand kritisiert. In der Schweiz hat man sofort die soziale Kontrolle, man wird sofort erzogen. Das hat auch seine guten Seiten. Man verwahrlost vielleicht nicht so schnell. In Berlin atme ich aber immer auf; ich finde, in Berlin kann man als homosexueller Mensch leben wie man will. Man kann auch rumlaufen wie man will. In Berlin kannst du im Pijama mit verwuschelten Haaren in den Ausgang, ohne dass sich jemand daran stört. Man hat ausserdem eine seht breite Auswahl an lesbischwulem Ausgang. Es gibt schwule Punks oder schwule Rocker. Es gibt nicht nur diesen Prototyp von „schwul“. Die Idee, schwule sind ausschliesslich so, wie sie das Klischee zeichnet, wird dort Lügen gestraft.

Was hat denn Bern im Gegenzug zu bieten? Bern ist ja auch attraktiv.
Ja, finde ich auch. Das zeigt sich für mich vor allem an den Leuten. Ich finde, in Bern herrscht eine grössere Verbindlichkeit. Vielleicht ist es auch eine Form von Unschuld, die ich mir als Berner in Berlin zu bewahren versuche, ich behaupte immer noch, dass ich mir immer so eine gewisse Naivität bewahrt habe, um in Berlin nicht völlig abgefuckt zu sein. Ich finde, hier in Bern haben die Leute eben etwas unschuldigeres, etwas weniger verbrauchtes. Das gefällt mir. Wenn ich nach Bern komme, finde ich immer, die Leute sind gepflegt… Gott, das klingt furchtbar! Aber ich finde, die Leute hier essen gesünder, machen Sport, sehen einfach gesünder aus. In Berlin ist das häufig anders. Im Herbst oder Winter läufst du durch Berlin und denkst „Gott, sind diese Leute alle bleich und ungesund und schlecht angezogen!“. Und man wird halt selber ein wenig so. Ich geniesse es dann immer, wenn ich zurückkomme und finden kann, dass sich die Leute hier sich eine gewisse Lebensart und gewisse Disziplin bewahrt haben, die man, wenn man will, in Berlin völlig verlieren kann. Man kann sich in Berlin wirklich verlieren. Ich kenne Leute, die nach Berlin gehen und dort Job oder Studium hinschmeissen und sich ihr Selbstvertrauen aus dem Schwulsein und begehrt sein holen und sich dann halt einfach hängen lassen. Vielleicht ist das jetzt auch meine kitschige Sicht auf Bern, aber ich finde, in Bern passiert das nicht so leicht.

ArtikelbildZuerst Zürich, nun Bern und Berlin. Du scheinst eine schwäche für Städte zu haben. Was hat es damit auf sich?
Meine Stücke haben natürlich auch immer sehr viel mit mir zu tun. In Zürich war unser Thema die Midlife-Crisis der Technoszene, nun geht es um Berner in Berlin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eigene, persönliche Themen sehr gut ankommen, da sich im Publikum immer viele Menschen finden, die sich mit diesen Geschichten identifizieren können und die gleichen Probleme, Sehnsüchte und Hoffnungen haben. Das ist auch das Tolle am Theater. Man sitzt mit vielen im Saal und merkt, dass man die Situationen kennt, die sich auf der Bühne abspielen. Man weiss beispielsweise wie es ist, sich nach der Heimat zu sehnen. Ich denke, gerade das Thema Heimat und auch das Thema Identität, dass damit zusammenhängt, ist zentral für mich. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Diese Fragen sind für mich auch noch nicht vollends beantwortet, deshalb versuche ich wohl auch diese Thematik künstlerisch und lustvoll umzusetzen.

Das Konzept


Zu deinem Konzept, eine Seifenoper auf die Bühne zu bringen: wie kommst du auf diese Idee? Ich stelle mir vor, diese Umsetzung ist nicht ganz einfach zu bewerkstelligen.
Das ist sicher so. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Fortsetzungsgeschichte nicht vom Fernsehen erfunden wurde. Als Kind haben viele von uns die Gutenachtgeschichte als Fortsetzung vorgelesen bekommen und genossen. Die Fortsetzungsgeschichte appelliert an diesen kindlichen Wunsch, dass die Geschichten, die man gerne mag, immer weitergehen. Wenn man ein Buch liest, das einem besonders gut gefällt, wünscht man sich auch, es würde nie aufhören. Mir gefällt dieses Konzept sehr. Der Begriff „Seifenoper“ ist auch gefährlich, wobei ich sagen muss, dass ich Fernsehserien sehr mag. Ich finde, es gibt heute auch qualitativ sehr gute Fernsehserien. „Six feet under“ zum Beispiel. Jemand hat mir mal gesagt, die Fernsehserie ist heute, was die „Buddenbrooks“ früher waren. Das heisst, im Grunde können da Sittengemälde in epischer Breite erzählt werden. In gewisser Weise ist es wirklich, wie wenn man sich einen dieser dicken Wälzer auf dem Bildschirm ansieht. Ich komme halt vom Theater und habe mir halt gedacht: „Kann man das auch auf die Bühne bringen?“ und das Konzept hat sich bei meiner letzten Produktion „Absolut Züri“ bewährt; es bildet sich eine Fangemeinde, die mitfiebert, und das funktioniert sehr gut, hat sogar Qualitäten, die die Serie im Fernsehen nicht hat.

Theater und TV kommuniziert mit verschiedenen Mitteln, mit einer teilweise ganz unterschiedlichen Sprache. Was hat sich bei dieser Übersetzung schwierig gestaltet?
Das ist natürlich eine grosse Frage. Ich finde, Fernsehen und Theater haben sich zu fest voneinander zu distanzieren versucht. Die Leute vom Theater fanden Fernsehen billig und schlecht, die Fernsehleute dagegen hatten eine beinahe heilige Vorstellung von Theater. Ich finde auch, dass sich das Theater zu fest von den Nomalbürger/-innen distanziert hat. Ich muss sagen, dass das Fernsehen extrem viel vom Theater gelernt und übernommen hat. Vieles wurde halt modernisiert und auch popularisiert. Inzwischen kann das Theater durchaus auch etwas vom Fernsehen lernen. Gutes Fernsehen erzählt auf verständliche Weise gute Geschichten. Ich selber habe auch die Sehnsucht, dass ich intelligentes Theater machen kann, das aber verständlich bleibt. Und genau das macht das Fernsehen in seinen besten Momenten.
Allerdings können und vor allem wollen wir nicht das Fernsehen auf der Bühne nachspielen. Eine Qualität des Theaters ist, dass die Dinge verdichteter dargestellt werden können als auf dem Bildschirm. Theater ist unmittelbarer und ist nicht zuletzt eben auch soziales Ereignis. Man kommt zusammen wie in einer Kirche. In einer lustigen Kirche in unserem Fall.

Dann ist eine deiner Ambitionen also auch, die Leute ins Theater zu holen, die sonst eher Respekt vor dem Theater haben und es sich lieber zu Hause vor der Mattscheibe gemütlich machen?
Genau. Und ich gebe zu, ich gehe manchmal aus demselben Grund nicht ins Theater, weil es eben häufig auch anstrengend ist. Dieses Konzept ist übrigens bei „Absolut Züri“ total aufgegangen. Es kamen Leute, die mir sagten, sie gingen sonst nie ins Theater. Da bin ich dann doch ein wenig stolz gewesen. Und ich hoffe natürlich dass mir das mit „Schnäu & Dräckig“ wieder gelingt. Das ist auch ein Grund, warum wir uns entschieden haben, die Parties zu machen, die anschliessend an jede Dernière der Folgen stattfinden werden. Natürlich bin ich gerade an diesen Leuten interessiert, die sonst nicht so häufig ins Theater gehen. Und ich meine, die Preise sind im vergleich zu anderen Theaterpreisen ziemlich moderat. Ein Abo kostet hundert Franken, das macht auf die einzelne Vorstellung ausgerechnet zwanzig Franken, also ähnlich viel wie ein Kinobesuch.

Noch mal zu „Absolut Züri“: Deine Idee ist dort ziemlich gut aufgegangen. Nun machst du etwas Ähnliches wieder. Was hat sich seit „Absolut Züri“ verändert, was macht ihr anders?
Ich denke, wir sind in Zürich vielleicht noch etwas zu nah am Fernsehen geblieben und waren zu fest der Meinung, wir müssten diese Geschichte ganz sauber rüberbringen. Dabei waren wir manchmal vielleicht etwas zu wenig wild vorgegangen und haben uns dort weniger an den theatereigenen Qualitäten orientiert. Bei „Schnäu & Dräckig“ darf es auch Fehler geben und ich denke, dass die Leute sich auch an diesen Fehlern freuen können und werden. Das in gewisser Weise unperfekte, was bewusst Element von „Schnäu & Dräckig“ sein wird, sehe ich unterdessen auch als Qualität an. Ausserdem sind die Figuren phantasievoller. In Zürich haben wir mehr versucht, reelle Figuren auf die Bühne zu bringen. Die Figuren in „Schnäu & Dräckig“ sind phantasievoller ausgestaltet.

Einige Fragen noch zur Veranstaltung selber: wie stelle ich mir den Besuch einer Folge vor? Was erwartet mich dort?
45 Minuten vor der Vorstellung öffnen sich die Tore zur Aula des Progrs. Die Aula ist wie eine Beiz eingerichtet, eine Beiz mit Bühne. Es wird auch immer eine Berliner Spezialität angeboten, Buletten mit Kartoffelsalat zum Beispiel. Man kann dann mit seiner Bulette an seinem Platz bleiben und das Schauspiel geniessen. Es soll auch Raum zum kennenlernen geboten werden. In Zürich beispielsweise wurde unser Event mit der Zeit auch ein wenig zur Kontaktbörse. Ich hoffe natürlich, dass dort Ehen gestiftet werden, beziehungsweise ewige Freundschaften oder dass auch Sex zustande kommt. Es soll also auch einen Rahmen geben, in dem mehr möglich ist, als sich nur das Stück anzusehen. Das Stück selber dauert eine gute Stunde. Und natürlich gibt es jeweils am Samstag die grossen Bern-Berlin Parties, an welchen Berliner und Berner Acts auflegen werden, wo man die angefangenen Beziehungen dann vertiefen kann.

Wie bist du ausgerechnet auf den Progr als Veranstaltungsort gekommen?
Wenn man so ein Projekt in einem normalen Theater machen würde, würde man alles blockieren. Ich bin nach Bern gekommen und fand, dass der Progr ein sehr zentraler und angesagter Platz ist, habe dann die Aula gesehen, die ich sehr stimmungsvoll finde und hatte das Gefühl, das wäre die ideale Stube um sich dort immer wieder zu treffen. Ich finde die Lage genial, und es bietet Freiraum, da man noch nicht genau weiss wie es mit dem Progr weitergeht. Diesen Freiraum, diese Experimentierphase wollte ich auch nutzen.

Das Stück


Der Titel deines neuen Stückes ist doch eher ungewöhnlich. Wie kommst du darauf?
Es gibt ja den Ausdruck „quick and dirty“. Das hat mir gefallen. Natürlich ist es auch das pure Gegenteil vom gängigen Klischee von Bern. Bern wird häufig als langsam und sauber wahrgenommen. Es hat natürlich auch mit der Story an sich zu tun. Das Stück dreht sich ja um die Frage, ob Urs ermordet wurde. Man kann natürlich auch jemanden „schnäu u dräckig“ umbringen. Man kann auch ein schnelles und dreckiges Leben führen, was ja auch Thema des Stückes ist. Und es hat auch mit der Umsetzung zu tun. Wir haben jeweils zwei Wochen Zeit, die Folgen zu proben. Dass kann natürlich nur „schnäu u dräckig“ gemacht werden. Ich glaube, dass ist auch das, was den Spass an der Sache ausmacht.

Du sagst, es geht möglicherweise um einen Mordfall in dem Stück. Das Publikum erwartet also ein richtiger Krimi?
Das ist so. Ein Krimi im Theater ist aber meiner Meinung nach immer auch eine Persiflage eines Krimis. Wir spielen natürlich mit Krimielementen. Jemand ist verschwunden, alle sind verdächtig, dann gibt es Regula von Bubenbühl, die auf eigene Faust zu ermitteln versucht. Durch diese Leerstelle, dieses Verschwinden einer Person, lässt sich natürlich auch sehr viel über die Personen erzählen, die etwas mit dieser verschwundenen Person zu tun haben. Dieses Verschwinden löst bei den anderen Figuren sehr viel aus und erzählt viel über ihr Leben. Uns interessieren natürlich vor allem die Leute um Urs herum. Wir kennen alle Agatha Christie, Henning Mankell, Donna Leone, die Tatorts - und wir versuchen nun, mit diesen Elementen zu spielen, was wiederum sehr theatertypisch ist: man spielt mit Elementen.

Gemäss der Webpage darf aber auch viel gelacht werden, oder?
Ja. Eigentlich ist es eine Comedy. Comedy funktioniert ja immer dann, wenn hinter der Komik auch eine grosse Tragik stecken könnte. Unsere Figuren sind für sich auch teilweise alleine, verloren, suchen nach dem richtigen Weg, es steckt also auch eine grosse Tragik dahinter. In ihrer Suche verrennen sie sich auch, stolpern und täuschen sich. Das finden wir natürlich lustig. Ich finde schon, dass es sehr viel zu lachen gibt.

Bleiben wir noch kurz bei Urs. Der Berner Student ist verschwunden, niemand weiss wo er ist oder was passiert ist. wie ich erfahren habe, nicht mal du wirklich?
Das stimmt, die letzten beiden Folgen sind noch nicht fertig geschrieben, wir sind uns im Moment noch am darüber einigen, was passiert sein könnte. Und es ist auch so dass es laufend Anpassungen geben wird bei den Folgen. Je nachdem, wie das Publikum reagiert, wird sich auch die Story noch ein wenig ändern.

Sehr mutig, ein Projekt zu starten, bei welchem der Ausgang auch den Machenden noch nicht völlig bekannt ist. Macht dich das nicht nervös?
Doch, natürlich, ich bin sehr nervös. Es tut schon mal gut, dass das Konzept der Soap auf der Bühne zu funktionieren scheint. Ich arbeite auch mit Personen zusammen, mit denen ich auch schon bei „Absolut Züri“ zusammengearbeitet habe. Gerade unser Chefautor ist ein gestandener Fernsehautor, der beispielsweise für GZSZ schreibt, und der kennt dieses Serienprinzip natürlich sehr gut. Ich habe sehr gute Leute zusammenbekommen, auf die ich mich verlassen kann, was die Nervosität ein wenig mildert. Aber natürlich: ich habe keine Ahnung wie es herauskommt, wie es ankommt.

Die Figuren


Deine Figuren sind ziemlich schrill und auch ein wenig überzeichnet. Was ist der Grund dafür?
Ich denke, ein Geheimrezept für das Gelingen einer Serie, egal ob es sich um eine grosse amerikanische Produktion oder um eine kleine Soap handelt, ist, dass die Figuren klare Linien haben und in ihrer Unterschiedlichkeit auch aufeinanderprallen können. Das haben wir natürlich auch ganz klar gesucht, unterschiedliche Figuren, die sich kontrastieren. Trotzdem schauen wir natürlich darauf, dass die Figuren auch überraschende Seiten haben. Es ist nicht so, dass es sich nur um Stereotypen handelt. Theater, oder zumindest Comedy bedeutet auch zuspitzen, auf den Punkt bringen. Genau das ist auch das Tolle am Theaterschreiben. Zum einen sind die Figuren überzeichnet, teilweise vielleicht schon monströs, haben aber gleichzeitig sehr viel mit uns zu tun.

Zwei Charaktere in deinem Stück sind schwul. Erzähl mir doch mal ein wenig über diese Figuren, soweit dies möglich ist.
Das muss ich mir jetzt natürlich gut überlegen. Der eine ist der Reto Santschi, ist Mitte dreissig, kommt aus dem Berner Oberland und ist mit zwanzig nach Berlin abgehauen. In seinem Heimatdorf kann er nicht offen schwul sein und hat sich dann entschieden, nach Berlin zu gehen. Eigentlich ist er ein grosser Romantiker, er ist nach Berlin gegangen, um seinen Traumprinzen zu finden, hat in Berlin dann all die grossen Parties erlebt, die grosse Auswahl an Männern, die grosse Möglichkeit an Sex, hat dann viele Frösche geküsst und den Prinzen dann leider doch nicht gefunden. Er steht nun an einem Punkt, an dem er sich fragt, ob er am falschen Ort sucht und ob er sein Leben ändern sollte, damit dieser Prinz noch auftaucht. Ich denke das ist eine Erfahrung die wir alle kennen, das Gefühl, man habe viele sexuelle Möglichkeiten, das verbindliche Zusammensein, nach dem man sich sehnt, kommt aber nicht zustande. Darum hat er dann auch eine wahnsinnige Sehnsucht nach seiner Heimat, weil er denkt, er hätte das dort vielleicht eher gefunden. Ob das wirklich wahr ist, ist eine andere Frage. Reto ist ein moderner Grossstadtschwuler. Und in der Krise.

Die andere Figur ist die Baronesse, Michael von Bubenwyl. Er ist einen anderen Weg gegangen. Er ist mindestens sechzig (sein genaues Alter will er nicht verraten) und hat das Schwulsein noch viel schwieriger erlebt, als das heute der Fall ist. Er wurde von seiner Familie ausgestossen, hat sich dann entschieden, nicht wegzugehen, sondern eben hierzubleiben und hier sein schwules Leben zu leben; was ja auch eine Entscheidung ist. Ich meine, wenn alle Schwulen aus Bern weggehen, kann sich in Bern ja auch nichts ändern. Er ist das schwarze Schaf einer Burgerfamilie, das von dieser Familie ausgestossen wurde und mit seinem damaligen Lover in Bern das Leben eines Outlaws geführt und eine Bar in einem Keller eröffnet hat. Viel mehr will ich zu den beiden gar nicht sagen. Es sind einfach zwei Generationen, der heutige, moderne schwule, der ausgewandert ist und der, der hier geblieben ist. Man muss dazu sagen, dadurch dass ich schwul bin und der Chefautor schwul ist, bekommt das Stück natürlich auch eine stark schwule Perspektive. Es ist übrigens ganz interessant, ich habe in Berlin sehr viele Schreiber für Fernsehserien kennengelernt, und da waren sehr viele Schwule darunter. Es gibt wahrscheinlich mehr schwule Fernsehschreiber als schwule Friseure! Das könnte natürlich damit zusammenhängen, dass wir Schwulen durch unsere Erfahrung, immer ein wenig neben der Gesellschaft zu stehen, einen gewissen Humor entwickelt haben, den es für so eine Comedy-Serie braucht. Was ich aber noch sagen möchte: es geht bei „Schnäu & Dräckig“ nicht nur um Schwule, es geht auch um Heterosexuelle und um Liebe grundsätzlich.

Die Parties


Zu den Parties. Wie kommt es zu dem Konzept?
Das hat wieder mit mir zu tun. Ich selber gehe sehr gerne an Parties. Berlin ist ausserdem die Stadt der Parties und mein Wunsch wäre es natürlich, dass auch Theater eine Party sein kann und nicht schwerfällig und langweilig sein muss. Die Parties passen natürlich auch zum Inhalt, Reto ist ja genau wegen den Parties nach Berlin gegangen. Und ich finde den Gedanken schön Partypeople und Theaterleute zusammenzubringen. Übrigens: wir haben ja in fast jeder Folge einen Gastauftritt und die Leute die diese Gastauftritte machen kommen teilweise auch aus der Musikszene und werden an den Parties dann auch noch mal Liveacts darbieten. Die Parties sind übrigens öffentlich, man muss nicht an der Aufführung gewesen sein, um an die Party zu dürfen.

Und was kannst du mir über die grosse Silvester-Abschlussparty sagen?
Ja, darauf freue ich mich sehr. Es ist übrigens das erste Mal, dass der Progr an Silvester seine Tore für eine Silvesterparty öffnet. Das Thema der Party ist „Himmel und Hölle“. Die Aula wird der Himmel sein und die Turnhalle die Hölle. Man könnte ja auch sagen, unser Leben ist auch in gewisser Weise eine Soap und an Silvester fängt für uns alle eine neue Staffel an. Und da passt es doch ganz gut dass wir den Übergang in die neue Staffel zusammen feiern.

Last but not least



Vielen Dank Res! Gibt es noch etwas, das du deinem künftigen Publikum im Voraus mitteilen möchtest?
Chömet! Nein, ernsthaft, kommt und schaut mal rein, ihr müsst nicht unbedingt jede Folge gesehen haben, um die Handlung zu verstehen, auch wenn es natürlich so am meisten Spass macht. Und ich hoffe natürlich, dass viele Schwule und Lesben kommen werden, denn irgendwie geht es auch um uns!

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Infos
Datum: 31.10.2010
Autor: Yannick Walthert
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