Colm Toibin «Die Geschichte der Nacht»
Es gibt Bücher, die einem vom Inhalt, vom Thema, von der Geschichte her in ihren Bann ziehen, und zwar von A bis Z. Und die einen staunen lassen über die Stilsicherheit, über die sprachliche Gewandtheit des oder der Schreibenden. Wo dies in ein und demselben Buch vereint vorkommt, ist das Lesen ein Genuss, eine wahre Freude.
„Die Geschichte der Nacht“ von Colm Toibin (1955 in Irland geboren), der sich erst als Journalist und Reiseschriftsteller einen Namen gemacht hat, gehört für mich nicht zu diesen Büchern. Das hat auch damit zu tun, dass dieser im 2004 erstmals auf Deutsch erschienene Roman auch ein Buch ist über die jüngere Geschichte Argentiniens, insbesondere über die Umbruchzeit nach dem verlorenen Falklandkrieg – und dass mich dieser Inhalt, zumindest zurzeit, nicht brennend interessiert. Diese Fokussierung auf die politischen Ereignisse (verknüpft mit einer Spionagegeschichte) kann dem Buch aber nicht zum Vorwurf gemacht werden. Indes, es sind andere Qualitäten, die für mich das Buch lesenswert gemacht haben. Dazu gehören die präzisen Schilderungen über geglückte und verunglückte sexuelle Begegnungen zwischen Männern in der Halböffentlichkeit einer Sauna (in Buenos Aires), dazu gehören die vielen Seiten, die mitunter in wunderbar leichtfüssiger Weise vom Glück eines verliebten Männerpaares erzählen, und dazu gehört auch jene (zwar nur kurze) Szene, in der wir die Irritation miterleben, die dem Protagonist beim sexuellen Zusammensein mit einer Frau widerfährt. Obwohl meist handfest und deutlich, wirken diese Schilderungen weder abstossend noch peinlich. Im Gegenteil: in ihrer Intimität wirken sie authentisch, glaubwürdig und schön. Und so etwas muss man als Autor ja erst mal zustande bringen; das ist nicht einfach nichts!Herbert Gruber
Colm Toibin «Die Geschichte der Nacht»
Deutscher Taschenbuch Verlag dtv
Das Buch findet sich auch in der Ausleihe der Schwubliothek.
Schwubliothek jeden Mittwoch in der Villas Stucki ab 19.30 Uhr.
