Michael Cunningham «Die Stunden»
Als schwuler Mann einen Roman zu schreiben, der sich in erster Linie um lesbische und bisexuelle Frauen dreht, braucht einen gewissen Mut. Sich als Vorlage gleich auch noch einen Klassiker wie Virginia Woolfs Mrs. Dalloway auszusuchen, das klingt gefährlich nach Grössenwahn.
Michael Cunningham mangelte es offensichtlich nicht an Selbstvertrauen, als er sich daran machte, seinen Roman über drei Frauen zu schreiben, deren Geschichten auf raffinierte Weise mit einander verwoben sind.Drei Geschichten
Der erste Erzählstrang ist Virginia Woolf gewidmet, die gerade mit dem Verfassen von Mrs. Dalloway beschäftigt ist und versucht, ihre psychischen Probleme im Griff zu behalten. Die zweite Geschichte erzählt von Laura Brown, die in einer amerikanischen Vorstadt der 1950er Jahre lebt und trotz verständnisvollem Ehemann und dreijährigem Sohn von einer grossen Leere erfüllt ist – einer Leere, die sie mit der Lektüre von Mrs. Dalloway bekämpft. Die dritte und letzte Hauptfigure schliesslich heisst Clarissa Vaughan, teilt ihren Vornamen mit der Titelheldin von Woolfs Roman und führt ein Leben, das in vieler Hinsicht eine Alternativversion ist der Geschichte von Clarissa Dalloway.
Stilistische Hommage
Cunningham belässt es nicht allein bei inhaltlichen Bezügen zu Virginia Woolfs modernistischem Meisterwerk: Er versucht auch, den charakteristischen, fliessend-mäandrierenden Erzählstil von Mrs. Dalloway zu übernehmen. Auf den ersten Seiten von Die Stunden wirkt dies noch etwas unsicher, klingt vielleicht auch zu ehrfürchtig. Mit zunehmendem Voranschreiten der Erzählung findet Cunningham aber den richtigen Ton – einen Ton, der jenem von Woolf eng verwandt und dennoch letztlich sein eigener ist.
All dies mag etwas gar konstruiert erscheinen, und tatsächlich ist Die Stunden kein Roman, bei dem man vollständig, bedingungslos in die fiktionale Welt eintaucht: Der Blick liegt immer auch auf der vertrackten Erzählstruktur und den subtilen Echos zwischen den Geschichten. Wer von einem Buch in erster Linie eine spannungsreiche und geradlinige Handlung erwartet, wird sich schwer tun mit Cunninghams Roman.
Melancholisch verspielt
All jene, die Bücher auch lesen, um den Umgang mit der Sprache zu geniessen, dürften hingegen Freude haben an Die Stunden: Obwohl dieses Buch über das Altwerden oft melancholisch klingt, zeichnet es sich aufgrund der variierenden Querbezüge auch durch eine leise Verspieltheit aus.
Und wer immer noch zweifelt, ob dies das richtige Buch ist für sie oder ihn, schaut sich am besten Stephen Daldrys brillante Verfilmung The Hours an (USA 2002, mit Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep in den Hauptrollen). Wenn sich die Leselust selbst dann noch nicht einstellt, dann sollte man sich tatsächlich eine andere Lektüre suchen.
Martin Mühlheim
Michael Cunningham «Die Stunden»
OT: The Hours; dt. Ausgabe, btb-Verlag
Schwubliothek jeden Mittwoch
in der Villa Stucki (19.30-21.30h)
