Reisebericht: Gaypride in Tel Aviv
Dass die Israelis einfach die leckersten Männer sind, wissen wir spätestens seit der Erstausgabe des Bilderbandes «Kobi Israel Views». Und weil sich die hebräischen Häppchen ja leider viel zu selten in den mitteleuropäischen Breitengraden verirren, erstaunt es nicht, dass flugfreudige Trinen rund um den Globus zur jährlichen Gaypride nach Tel Aviv reisen. So auch ich.
Ein Blick auf die zahlreichen Hutschachteln, Überseekoffer und XXL-Beauty-Cases auf dem Gepäckband des Ben Gurion Airports verrät mir, dass die Herrschaften angekommen sind und die Ankunftshalle nun flux in eine lebhafte Cüplibar verwandelt wird.Ich schwing jedoch mein Rucksack über die Schulter und gönn mir erstmals einen ausgiebigen Spaziergang durch die mit Regenbogenfahenen geschmückte Stadt und den langen Sandstrand. Ob es die mediterrane Sonne ist oder doch eher die zahlreichen umwerfenden Jogger welche obligat oben ohne den Strand rauf und runter rennen, sei dahin gestellt – ich bin jedenfalls in Kürze durchgeschwitzt und brauch eine kühle Dusche.

Das Programmheft verrät mir, dass zum Einstimmen eine grosse „Beef-Party“ angesagt ist. Beim Lokal angekommen trau ich meinen Augen nicht. Da stehen an der Eingangsschlange eine Heerschar von Mr. Perfects! Muskulös, definierter V-Oberkörper, kantige Gesichter, kräftige Hände, durchtrainiert und braungebrannt von oben bis unten. Jedes Haar sitzt am richtigen Platz, jeder Muskel hat die richtige Form, jede Wimper das richtige Volumen! Während ich etwas verlegen ob dieser Aussicht beim Türsteher den Bauch kräftig einziehe, find ich dann doch noch das obligate Haar in der Suppe: Ein besonders herausragendes Exemplar dieser David-Nachkommen trägt nämlich doch tatsächlich auch gleich noch dessen Schuhwerk. Man(n) stelle sich nur mal vor, in der Hitze des Entblätterungsgefechts gehen diese Dinger vergessen…!! Auch das düstere Licht der Partylocation erinnert mich eher an die Knutschecke einer Schülerdisco. Die spartanischen Lichtverhältnisse sind denn auch den Destosteron-Hühnen zu viel – oder eben zu wenig. Bereits nach 2 Stunden leert sich die Disco wieder mehr und mehr. Auch ich leg mich in die Hejea – schliesslich wartet noch ein anstrengendes Wochenende auf mich.

Nach einer fröhlichen und stimmungsvollen Besammlung setzt sich punkt 13.00 Uhr die Parade durch die Stadt in Bewegung. Um die 70‘000 Männer und Frauen begleiten den Tross jubelnd und feiernd. Eine ausgelassene Stimmung die ansteckt. Selbst Passanten und sozusagen Zaungäste Tanzen und jubelnd auf den Balkonen und dem Trottoir. Gegen 16.00 Uhr endet der grosse Umzug auf einem abgesperrten Festgelände direkt am Strand. Ohne zu Zögern entledigt sich die erhitzten Beaus einfach kurzerhand den Hosen und Shirts und springen zu hunderten ins erfrischende Meer. Wahrlich auch ein «erfrischendes“ Bild...!
Der Rest des Pride-Wochenendes ist dann schnell erzählt! Party…Party…Party… bis dass die Beine einknicken oder die Augenlieder zuklappen!

Es war schön! Und ich werde wieder gehen! Dass ich wiederum nicht der einzige sein werde, bestätigten mir die zahlreichen einschlägigen Fluggäste, welche am Sonntagabend mit Ringen unter den Augen – aber seligem Lächeln – am Flughafen Check-In stehen und wie ich beim Abheben noch einen letzten, vielsagenden Blick auf die Stadt zurückwerfen. «Lehiraot Tel Aviv»!

Fotos: Andreas Eggimann
