HIV: Die Lage ist ernst
Bei schwulen Männern nehmen HIV-Neuinfektionen mit zu, während sie in der übrigen Bevölkerung abnehmen. Sorgen bereiten auch resistente sexuell übertragbare Infektionen (STI). Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bezeichnet die Lage als besorgniserregend. Eine neue Broschüre und ein Aktionsplan sollen die HIV- und STI-Neuinfektionen bei Schwulen bremsen helfen.
Seit 2001 steigen die HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern stetig an, obwohl das Schutzverhalten recht gut ist. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat nun dank eines mathematischen Modells Hinweise erhalten, weshalb dies so ist und wie sich die Epidemie weiterentwickelt. Gerechnet wird mit einer weiteren Zunahme. «Wenn wir jetzt nichts unternehmen», sagt Roger Staub vom BAG, «wird Gay-Szene immer gefährlicher, immer mehr Schwule werden Medikamente brauchen, und die Gesundheitskosten steigen an.»Parallele Sexbeziehungen
Hauptproblem ist gemäss BAG-Modell die hochansteckende HIV-Primoinfektionsphase. In den ersten paar Wochen und Monaten nach einer Infektion ist man 20 bis 100mal ansteckender als später. Laut BAG findet jede zweite HIV-Übertragung bei schwulen Männern in dieser Phase statt. Vermutlich geschieht dies meist zwischen Personen, die parallele Sexbeziehungen pflegen. In solchen Beziehungen verzichtet man gerne auf das Präservativ, weil man sich gegenseitig auf das negative Testresultat verlässt. Nicht immer geht dies gut. Denn hält sich jemand nicht an die Abmachungen und steckt sich neu an, verbreitet er das HI-Virus unwissentlich weiter. Ein einziger ungeschützter Analverkehr kann dann schon zur Übertragung führen. Das BAG konzentriert sich nun darauf, dass weniger Personen mit einer hochansteckenden Primoinfektion in der Szene unterwegs sind.
STI auf dem Vormarsch
Sorgen bereiten auch andere sexuell übertragbaren Infektionen. Sie nehmen nicht nur zu, sondern sind auch immer schwerer behandelbar. Bedenklich ist die Situation bei der Gonorrhoe, also dem Tripper: Die bakterielle Infektion hat sich bislang gut mit Antibiotika behandeln lassen. Viele Stämme des Tripper-Bakteriums sind aber mittlerweile gegen Antibiotika zum Schlucken resistent. Die Therapie erfolgt heute oft mittels Injektionen. Das BAG ist zudem besorgt über das gehäufte Auftreten der bislang seltenen Geschlechtskrankheit LGV. Diese Chlamydien-Art taucht in den europäischen Grossstädten unter HIV-positiven schwulen Männern immer öfters auf. Sie führt zu eitrigen und oft vernarbenden Entzündungen an Penis und Enddarm. Das BAG empfiehlt allen nicht monogam lebenden Männern, die mit Männern Sex haben, einen jährlichen HIV- und STI-Test – bei mehr als zehn Partnern in den letzten sechs Monaten sogar häufigere Tests. Am besten geschieht dies in einem Beratungsgespräch mit einer Fachperson.
Infektionsketten unterbrechen
Ein Aktionsplan, umgesetzt von Checkpoint Zürich und Genf, soll nun helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Bereits in Planung ist der jährliche Aktionsmonat «Break The Chain». Während dieses Monats sollen alle schwulen Männer konsequent HIV-Risiken vermeiden. «Wenn wir gemeinsam schaffen, dass wir in der Gay-Szene weniger Männer mit einer hochansteckenden Primoinfektion haben», erklärt Staub, «steigt die Sicherheit für alle.» Der Aktionsmonat findet im April 2012 statt.
Jen Haas
Broschüre «Sex unter Männern»
Zum ersten Mal seit 25 Jahren richtet sich das BAG mit einer offiziellen Broschüre an einen Teil der Bevölkerung. Die Broschüre «Sex unter Männern: Für eine bessere sexuelle Gesundheit 2012» enthält die aktuellsten Informationen zur HIV- und STI-Problematik bei schwulen Männern und zeigt auf, wie seine und die Gesundheit anderer schützen kann. Bestellt oder heruntergeladen werden kann sie im Online-Shop der Aids-Hilfe Schweiz: www.shop.aids.ch.
