gaybern.ch | ha-bern.ch | 3gang.ch | cominginn.ch
gaybern.ch - lesbischwules portal für bern der hab
Politik und Gesellschaft

Mr. Gay Schweiz ganz international

Mr. Gay Schweiz ganz international

Der amtierende Mr. Gay Schweiz, Ricco Müller, wurde zum Mr. Gay International gewählt. Er vertritt gleich zwei Minderheiten: Schwule und Gehörlose. Die gayAgenda hat ihn dazu befragt.

gayAgenda: Wie sieht dein Amtsjahr als Mr. Gay Schweiz aus? Was waren die Höhepunkte bisher? Was war nicht so toll daran?
Ricco Müller: Mein Amtsjahr als Mr. Gay ist eine Herausforderung und es ist hart, immer alles durchstehen zu können. Doch als Schwuler und Gehörloser musste ich früh lernen zu kämpfen und selbstbewusst zu sein. Ein Höhepunkt war, dass ich enorm viele Anfragen aus dem Ausland hatte und habe. Die Tatsache, dass ich als erster Gehörloser weltweit einen Mister-Titel geholt habe, hat das Interesse an mir nicht nur in der Schweiz sondern auch im Ausland zusätzlich verstärkt. Sehr freue ich mich auch auf meinen Besuch in Kurt Aeschbachers Talkshow am 3. Dezember. Damit geht ein weiterer Traum in Erfüllung. Durch meinen grossen Erfolg merkte ich jedoch auch, wer meine Freunde sind und dass es immer auch Neider und falsche Leute gibt. Doch man muss auch mit falschen Gerüchten und Kritik umgehen können. Geschockt war ich während den Mr. Gay Europe-Wahlen in Oslo. Dort gab es trotz hartem und intensivem Programm jeden Tag nur Salat zum Mittagessen. Das hat auf mein Selbstbewusstsein geschlagen und ich habe mich wie ein Magermodel gefühlt. Anders als in der Schweiz, wo es eher darum geht, ein Botschafter für die Schwulen zu sein und sich auf politischer und sozialer Ebene für ein positives Gay-Image einzusetzen, geht es bei den Mr. Gay-Wahlen im Ausland hauptsächlich um Beauty.

Kommt auf einen Mr. Gay Schweiz so viel zu wie auf einen Mister oder eine Miss Schweiz in ihrem Amtsjahr?
Als ich mich mit den anderen Kandidaten in Oslo verglichen habe, sah ich schon, dass Mister- und Missen-Wahlen in der Schweiz einen viel höheren Stellenwert haben als im Ausland und dass sich auch die internationalen Medien viel mehr für mich interessierten als für andere. Zudem hat es mich gefreut, dass die norwegische Community der gehörlosen Gays mich voll unterstützt hat. Also im Vergleich mit den Mr. Gays aus dem Ausland sind das Engagement und die Medienpräsenz hierzulande viel höher. Gleichzeitig ist es aber so, dass der Titel Mr. Gay natürlich niemals so stark kommerzialisiert ist, wie die Titel der Mister und Miss Schweiz. Gays sind nun mal eine Randgruppe und viele Firmen haben noch nicht den Mut, mit dem Mr. Gay zu werben und sich ein gayfriendly Image aufzubauen. Viele Sponsoren haben noch nicht verstanden, dass Gays eine interessante Zielgruppe sind. Doch beim Titel Mr. Gay geht es auch weniger darum – viel wichtiger ist es, etwas für die wahre Gleichstellung der Gays zu erreichen.

ArtikelbildIn Manila wurdest du als erster Schweizer zum Mr. Gay International gekürt. Wir gratulieren und sind stolz, dass Du unser kleines Land international repräsentierst. Wie fühltest Du Dich, als Du zum Sieger gekrönt wurdest?
Es war ein unglaublich emotionaler und ergreifender Moment. Ich war tief gerührt, zitterte am ganzen Körper und hatte Tränen in den Augen. Es war schliesslich das erste Mal überhaupt, dass ein internationaler Mister- oder Missen-Titel in die Schweiz verliehen wurde. Dank diesem Titel kann ich nicht nur in der Schweiz viel für die Gays bewirken, sondern auch im Ausland, wo die Diskriminierung oft viel schlimmer ist. Auch den Gehörlosen kann ich so international eine Stimme geben.

Was erwartet Dich nun als Mr. Gay International? Gehst Du auf „Welttournee“?
Ich habe bisher noch keinen Agenten dafür gefunden, versuche jedoch selbständig von verschiedenen Firmen Aufträge zu kriegen. Ab und zu werde ich aus New York angefragt für eine Fotossession. Im Januar bin ich in England eingeladen. Es gibt viele Länder, die mich dabei haben wollen, doch manchmal bin ich für sie zu teuer um mich zu buchen oder die nationalen Organisationen können sich die Reisespesen nicht leisten. Das finde ich sehr schade. Die weltweite Präsenz findet deshalb vor allem in den Medien statt – mit Interviews oder Fotostrecken.

Wie hat dein Umfeld auf die Titel reagiert? Und wie die Leute in Deinem Heimatdorf? (Anmerkung: Ricco kommt aus Domat/Ems GR.)
Sie sind sehr glücklich darüber, dass ich gewonnen habe und können heute immer noch nicht fassen, dass ich die zwei Titel für die Schweiz geholt habe und sind sehr stolz darauf. Sogar die kleinen Lokalblättchen, die wohl kaum je über das Thema Gay geschrieben haben (geschweige denn positiv), haben mich stolz auf die Titelseite gehievt und seitenweise über mich geschrieben. Sehr positiv also. Oft höre ich auch, dass die schwulen Männer sehr stolz auf mich sind, weil ich der richtige und wahre Mister Gay bin, welcher für alle steht und offen für alle ist. Gerade in ländlichen Gegenden, wo die Gay-Medien nicht hinkommen, bewirkt das sehr viel. Die Leute gehen viel offener mit dem Thema um und die Schwulen, die vielfach versteckt lebten, entwickeln ein neues Selbstbewusstsein. Nicht einfach hingegen war es für meine Mutter, weil sie immer wieder damit konfrontiert wurde. Wenn sie einkaufen ging, zeigten die Leute mit dem Finger auf sie. Diese Sitution war neu für sie, doch mit der Zeit hat sie sich daran gewöhnt. Also insgesamt wird alles sehr positiv aufgenommen und ich habe abgesehen von der Sache mit der Familienlobby an der Europride nie etwas Negatives erlebt.

Was bedeuten Dir selber die beiden Titel? Und, zurückblickend, würdest Du Dich nochmals anmelden?
Die Titel sind mein Verdienst, wofür ich mein Leben lang gekämpft habe, das ist eine Art Anerkennung! Ich bin glaub ich dafür geboren. Ob ich mich nochmals anmelden würde, kann ich nicht sagen. Es ist eine lehrreiche und spannende Sache mit vielen Chancen. Aber es ist auch hart, immer in der Öffentlichkeit zu stehen und immer mit Argusaugen beobachtet zu werden.

Für die Wahlen war deine Gehörlosigkeit offenbar kein Nachteil. Wie sieht es damit sonst in deinem Leben aus? Wie gehst du damit um?
Ja ich bin auch erstaunt darüber, dass es kein Nachteil war. Die Vorbehalte gegenüber Gehörlosen sind in der Schweiz gross und es wird zu wenig getan. Am Anfang konnte ich mit meinem Ruhm, den ich zurzeit erlange, nicht umgehen, es war alles komplett neu für mich. In einer Nacht ist alles anders geworden. Ich fühlte mich plötzlich alleine, musste oft weinen, weil ich es komisch gefunden habe, wildfremde Menschen treffen zu müssen, und ich dadurch auch auf viele falsche Leute gestossen bin. Aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und damit gelebt, dass ich, wenn ich auf Partys gehe, in einem Glaushaus stecke und die Leute zu mir herauf schauen. Das gibt mir heute den Adrenalinkick, weiterhin an mir zu arbeiten. Jetzt geniesse ich das wirklich und tue das gerne!

ArtikelbildWie ist es in der Szene, wie reagieren die Leute auf Deine Gehörlosigkeit?
Die einen finden es toll, dass ich es geschafft habe und sind mächtig stolz auf mich, auch weil ich am Boden geblieben bin. Jazzmin Dian Moore hat mir mal gesagt, dass es eine Gabe ist, und das hat mich gerührt! Die Leute sind auch nicht mehr gehemmt dadurch, und reden oft und gerne mit mir. Und andere sind wohl auch Neider, weil sie mir das Wasser nicht reichen können – z. B. ein Kandidat aus der Wahl kann heute immer noch nicht verarbeiten, dass ich ihn aus dem Rennen geschlagen habe!

Konntest Du auf die Anliegen der Gehörlosen aufmerksam machen? Was sind Eure Anliegen?
Ja, ich repräsentiere zwei Minderheiten gleichzeitig: Die Gemeinschaft der Gehörlosen sowie die Gay-Community – und es hat funktioniert. Die Leute wissen nun, wie der Gehörlose wirkt und was die Gehörlosen brauchen. Ich bin nur am Aufklären, wie man mit den Gehörlosen umgehen sollte und zeige, dass sie genau gleich wie die anderen sind. Nur hören können sie nun mal nicht. Dabei sind sie aber viel schlauer, als man denkt. Unser Anliegen ist, dass die Gebärdensprache, die wirklich unsere Muttersprache ist, als Landessprache anerkannt wird und es zum Beispiel am Fernsehen mehr Sendungen mit Untertiteln gibt usw. Eine wichtige Erkenntnis aus den Mr. Gay-Wahlen sollte sein, dass die Schweiz nicht vier, sondern fünf Landessprachen hat.

Du bist frisch verliebt. Wer ist der Glückliche?
Naja, wer will schon mit einem Mister Gay eine Beziehung führen :-). Daher: kein Kommentar!

Im Frühling 2010 übergibst du den Titel Mr. Gay Schweiz an deinen Nachfolger. Was sind Deine Zukunftspläne?
International gesehen diene ich der Schweiz noch bis Juni als Repräsentant der Schweiz in der Welt. Jedoch habe ich viele Zukunftspläne: Ich bin in Verhandlungen mit einem Buchverlag, wo ich eine Biografie über mein Leben als Gehörloser und die Diskriminierung, die ich erlebt habe, veröffentlichen werde. Und ich werde mich fortan auf meine Karriere als Fashion-Fotograf konzentrieren (siehe Homepage). Nebenbei werde ich weiterhin modeln und vielleicht die Uni in New York besuchen – das steht noch offen!

Viel Erfolg und herzlichen Dank für das Interview!
(Foto: Salvatore D‘Angelo)

Bereits beginnt die Suche nach dem nächsten Mr. Gay. Wenn Du denkst, dass Du das Zeugs dazu hast, der Schweizer Gay-Repräsentant zu werden, dann melde dich bei www.mrgay.ch
Kommentare

Am 22. Oktober 2009 gegen 13 Uhr meinte Yves Bolanz

wow, tolles Interview! Hätte gar nicht gedacht, dass das Leben von einem Mister Gay so spannend ist! Du machst das super, Ricco! Kompliment auch für die Fotos!

Name
E-Mail *
Text
* Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, muss aber angegeben werden.
Infos
Datum: 22.10.2009
Autor: Stefan Schüpbach
Facebook
Mehr Artikel
Hassverbrechen gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen müssen polizeilich erfasst werden
In einer Medienkonferenz am 3. Mai hat eine breite Koalition von LGBT-Organisationen die polizeiliche Erfassung von Hassdelikten gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen (LGBT) gefordert. Denn auch in der Schweiz sind LGBT-Menschen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, zeigt ein veröffentlichter Bericht auf. Auch hier werden sie Opfer von hassgetriebenen Ehrverletzungen, Diskriminierungen und Gewalt. Mehr
STOP AIDS – Die Geschichte der Kampagne in einem Buch
1986 startete in der Schweiz die erste Werbekampagne gegen Aids und für Safer Sex. Jetzt hat der Echtzeit Verlag ein Buch herausgegeben, das die spannende Geschichte der Stop-Aids Kampagne in der Schweiz zeigt und erzählt. Mehr
LGBTI am Arbeitsplatz
Die Stiftung Workplace Pride lädt ein zur Podiumsdiskussion mit David Pollard und Boris Dittrich zum Thema LGBTIs am Arbeitsplatz. Am Montag, 16. Oktober ab 18 Uhr im Impact Hub Bern. Die Diskussion wird in englischer Sprache sein. Mehr