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Politik und Gesellschaft

«Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden»«Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden»

«Unsichtbare Lesben», «Die Welt der Zeitungen kennt keine lesbischen Frauen»: das sind Titel von Zeitschriftenartikel, die sich mit der 
(Un-)Sichtbarkeit von Lesben befassten. Dieses Thema hat die Journalistin Elke Amberg aufs Tapet gebracht und darüber ein Buch geschrieben. Am 15. Mai kommt sie für einen Vortrag nach Bern. Der Anlass wird von WyberNet und Los präsentiert.

Elke Amberg aus München ist Kommunikationswissenschaftlerin und Fachjournalistin für soziale Themen und Expertin für Marketing und Pressearbeit im Non-Profit-Bereich. Sie hat eine Studie zur Sichtbarkeit und Darstellung lesbischer Frauen in den Medien durchgeführt, die auch als Buch erschienen ist. Ludwig Zeller von der gayAgenda hat sich mit ihr unterhalten.

Was war der Auslöser dieses Buch zu schreiben? 
Eigentlich der Frust darüber, dass lesbische Frauen trotz intensiver Pressearbeit von den Medien ignoriert wurden. Dass die Studie zustande kam ist der Initiative der Lesben-beratungs-stelle LeTRa zu verdanken. Aber das Ganze hatte einen Vorlauf. In München gibt es eine lesbisch-schwule WählerInneninitiative, die Rosa Liste, die es geschafft hat einen schwulen Mann in den Stadtrat zu bringen. Schon vor mehreren Jahren wurde dann eine städtische Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen eingerichtet. Und 2009 gab es dann eine Stadtratsinitiative, die doch tatsächlich zu einem Beschluss zur Teilhabe und Sichtbarkeit von Lesben geführt hat. Das bedeutete, die Sichtbarkeit von Lesben ist ein städtisches Anliegen! Und die Erfahrung war eben, dass lesbische Themen in der Presse überhaupt nicht präsent sind. Ganz gravierend zum Beispiel beim Christopher-Street-Day (CSD). Alljährlich führte die massive Öffentlichkeitsarbeit von LeTRa sozusagen ins Leere.

Bitte geben sie uns ein besonders krasses Beispiel wo Lesben ignoriert wurden, obwohl eine Berichterstattung angebracht gewesen wäre.
Besonders krass war ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung in der eben unser schwuler Stadtrat, Thomas Niederbühl, falsch zitiert wurde von wegen: «Schwule könnten jetzt heiraten und hätten aber noch nicht die gleichen Rechte». Der ganze Artikel erweckte den Anschein, als ob das Gesetz nur für schwule Männer gelten würde. Natürlich habe ich Niederbühl gefragt, wie das denn sein kann. Er wurde ganz einfach falsch zitiert. Diese Art der Berichterstattung hat leider System. «Homosexuell» wird mit «schwul» gleichgesetzt und es entstehen falsche Tatsachenbehauptungen. Das kam in einem Drittel der von mir analysierten Artikel vor.

Was genau haben sie untersucht?
Ich habe in meiner Studie ein halbes Jahr Berichterstattung in vier Tageszeitungen, darunter auch die überregionale Süddeutsche Zeitung ausgewertet. Und zwar Artikel zu Themen der rechtlichen Gleichstellung von Lesben und Schwulen und im Zusammenhang mit dem CSD. Und dann habe ich die Präsenz lesbischer Frauen mit der Präsenz von schwulen Männern verglichen, also geschaut: wer steht im Mittelpunkt, wer wird zitiert, wer ist auf den Fotos, wer wird in den Überschriften benannt. Und die Lesben-Artikel nach Themen, Wortwahl, Dramaturgie, also inhaltlich untersucht. Das Ergebnis: Nur in sieben Prozent der Artikel stand eine lesbische Frau oder lesbische Frauen im Mittelpunkt, Lesben wurden nur selten zitiert und das Wort «Lesbe» oder «lesbisch» stand nie in einer Überschrift und wurde auch im Text sehr wenig oder erst am Schluss benutzt. Es scheint noch weitaus stärker tabuisiert zu sein als das Wort «schwul».

Das Wort «Lesbe» oder «lesbisch» stand nie in einer Überschrift

Was stört die Medien am Wort «lesbisch»? 
Der Begriff «lesbisch» hat keine vergleichbare Karriere gemacht wie der Begriff «schwul» – der ist mittlerweile sogar in der konservativen Presse angekommen und scheint regelrecht schick zu sein. So wie es auch schick ist einen Schwulen in seinem Bekanntenkreis zu haben. Beide Begriffe werden übrigens von Jugendlichen auf dem Schulhof – und leider nicht nur von Jugendlichen – als Schimpfwort benutzt. Es scheint der Begriff «Lesbe» wird immer noch als «schmutzig» und diskriminierend wahrgenommen. Als selbstbewusste Eigenbezeichnung wird es ja sogar von Lesben selbst mitunter gemieden. Daran sieht man wie gross die Ängste vor Diskriminierung sind. Da wird dann statt „Lesbe“ einfach nur „L“ gesagt, z.B. «L-Word», «L-Mag» oder einfach «Frauendisco» und alle die es wissen möchten wissen, dass dort überwiegend Lesben hingehen.

Der Klischee-Schwule, exaltiert, modisch und schlagfertig, ist in der Medienlandschaft sehr präsent, als Dragqueen, Stilberater oder Popstar. Der angepasste Durchschnitts-Schwule wird aber oft ignoriert. Bei den Lesben scheint es gerade umgekehrt… 
Ja, das war auch ein Ergebnis. Wobei grundsätzlich andere diskriminierende Stereotypisierungen für Lesben gelten: Unweiblich, hässlich, psychisch krank, kriminell, hat keinen abgekriegt… Aber dazu habe ich glücklicherweise keinen Artikel gefunden. Solche Negativstereotype kommen allerdings durchaus in Film und Fernsehen vor. In der Presse kommen Lesben, wenn sie vorkommen, als Mütter vor. Und in den Berichten wird dann meist danach gefragt, wie geht es den Kindern? Wir erfahren nichts von der Paarbeziehung, Sexualität ist kein Thema, alles Aufmüpfige, mit Männlichkeit konnotierte, also Butchige, das nicht der femininen Geschlechternorm entspricht ist glattgebügelt. Da wir uns ein sehr begrenzter Ausschnitt der Vielfalt lesbischen Lebens präsentiert. Das hat sich nur ein ganz klein wenig verschoben während der Frauen-Fussball-WM 2011. Da wurde erstmals von Lesben im Fussball berichtet. Ich habe deswegen mein Abschlusskapital auch genannt «Mit den Zehenspitzen angekommen.» ☺

In der Presse kommen Lesben, wenn sie vorkommen, als Mütter vor.

Was können Lesben tun um besser wahrgenommen zu werden? Und wollen sie das überhaupt?
Das sind zwei Fragen, die beide mit Vorannahmen verknüpft sind. Nämlich, dass es an den Lesben liegt, dass sie nicht wahrgenommen werden und sie etwas verändern müssen. Das ist übrigens eine super einfache Erklärung und auch Schuldzuweisung mit der man es sich aber leider etwas zu einfach macht. Und in der zweiten Frage liegt die Unterstellung, dass sie gar nicht wahrgenommen werden wollen. Beide Vorannahmen sind nur ein kleiner Teil der Ursachenbündel. Frauen und eben auch lesbische Frauen sind in einer gesellschaftlich unterprivilegierten Situation. Ihre Emanzipationsbewegung ist um einiges jünger wie die schwule Emanzipation und sie haben als Frau einen viel weiteren Weg, der eigentlich erst in den siebziger Jahren begonnen hat. Zudem sind sie zum Beispiel selten Entscheider in Medienbetrieben. Heterosexuelle Männer setzen die Themen auf die Agenda, entscheiden wer gefragt wird, was in den Überschriften steht, wessen Bild abgedruckt wird. Vielleicht sind ihre schwulen Geschlechtergenossen für diese Männer auch interessanter? Und lesbische Frauen haben entscheidend weniger ökonomische Power, also meist auch keine eigenen Zeitschriften, eine Szene-Presse, die die Vorbedingung ist um in die allgemeine Presse zu kommen. Die Ursachen liegen also in der gesellschaftlichen sehr unterschiedlichen Situation von Lesben im Vergleich zu Schwulen. Aber auch darüber wird ja wenig geredet. – Und ja, es stimmt, dass manche Lesben nicht wahrgenommen werden wollen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass viel weniger prominente Lesben out sind wie prominente Schwule. Einer lesbischen Frau, die sich vielleicht sogar noch für Frauen einsetzt, weht ein kalter Wind entgegen. Die Sphäre der Öffentlichkeit ist immer noch eine Männersphäre in der Frauen geduldet werden, da muss sich jede Frau genau überlegen, ob sie sich auf diese Weise verwundbar macht. Und absurderweise gibt es auf der anderen Seite dann eben auch Erfahrungen, wie von der Lesbenberatungsstelle – und ich selbst habe ähnliche – wenn das Lesbisch-Sein explizit gemacht wird, dann wird es ignoriert und zensiert. 

Am 15. Mai sind sie in Bern für einen Vortrag. Kennen sie die Stadt schon? Freuen sie sich darauf?
Ich kenne Bern noch nicht! Und ich freue mich sehr auf den Vortrag. Ein wichtiger Grund, warum ich die Studie gemacht habe, ist natürlich auch Lesben zu ermuntern raus zu kommen. Und in der lesbisch-schwulen Szene eine differenzierten Umgang mit der unterschiedlichen Sichtbarkeit anzuregen. Ich hoffe ich kann Anstöße dazu geben. Und ich bin natürlich auch sehr neugierig über konkrete Erfahrungen in der Schweiz von den Zuhörenden zu erfahren.


«Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden» 
Mittwoch, 15. Mai, 19:30 Uhr
Calvinhaus, Marienstr. 8, 3005 Bern
Vortrag von Elke Amberg und Diskussion mit dem Publikum.
Barbetrieb ab 18.30, Eintritt 20.–/18.–.
Organisiert von WyberNet und LOS.

Bild 1Das Buch ist im Ulrike Helmer Verlag erschienen (ISBN 9783897413245)

www.elke-amberg.de

   

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Infos
Datum: 30.04.2013
Autor: Ludwig Zeller
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