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Die Ausgegrenzten im Fokus der Fotografie

Die Ausgegrenzten im Fokus der Fotografie

Das Pasquart Photoforum in Biel setzt sich in der Ausstellung «Disruptive Perspectives» mit Gender und Sexualität auseinander. Kunstschaffende der neuen Generation suchen nach neuen Wegen um Geschlecht, Identität, Beziehungen und Selbstsein sichtbar zu machen.

Sexualität und Geschlecht waren im allgemeinen Bewusstsein als konstante binäre Konzepte verankert. Mit dem Beginn des Kampfes von Homosexuellen und Trans* Ende der 60er-Jahre für Gleichberechtigung wuchs auch die Zahl von Kunstschaffenden die darauf reagierten. Besonders im Medium Fotografie wurde Geschlecht, Identität und Sexualität erforscht und visualisiert wie sie erlebt wird. Die Ausstellung «Disruptive Perspectives» im Pasquart Photoforum in Biel will mit den Bildern das Spannungsfeld ausloten zwischen dem Verlangen nach Anerkennung und der erlebten Marginalisierung, Unterdrückung und Gewalt. Die Arbeiten von Barbara Davatz, Zackary Drucker und Rhys Ernst, Jess T. Dugan, Alexandre Haefeli, Laurence Rasti, Leonard Suryajaya und Lorenzo Triburgo schildern die Wünsche, Träume und Schwierigkeiten von Personen die ausserhalb der Norm stehen. Sie verdeutlichen das menschliche Streben nach dem eigenen, authentischen Selbst und dem Lenken des öffentlichen wie auch privaten Ausdrucks der Identität. Die Werke zeigen – manchmal triumphierend, manchmal traurig oder erschreckend – die Palette des Möglichen in Bezug auf Sexualität und Geschlecht. Die teilnehmenden Künstler*innen und Künstler repräsentieren Sichtweisen aus der ganzen Welt, mit einem Fokus auf amerikanische und schweizerische Fotograf_innen, die im gemeinsamen kulturellen Austausch aufeinandertreffen.

Die Fotografin Laurence Rasti aus Lausanne porträtierte Homosexuelle aus dem Iran. Der ehemalige Präsident Irans, Mahmoud Ahmadinejad, verkündet 2007: «Es gibt keine Homosexuellen im Iran.» Dieser Satz wird zum Titel von Laurence Rastis Arbeit «Il n’y a pas d’homosexuels en Iran». Selbstverständlich gibt es Homosexuelle im Iran, selbst wenn Verbindungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts mit der Todesstrafe belegt werden. Den Betroffenen bleibt keine Wahl: Entweder müssen sie fliehen oder sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Transsexuelle und deren Sexualität scheinen im Iran derweilen toleriert zu werden (obwohl auch hier ständig Gefahren und Schwierigkeiten lauern). Wenn es also keine Homosexuellen im Iran gibt, liegt es daran, dass sie unsichtbar bleiben oder aus dem Land fliehen. Rasti, als Schweizerin mit iranischer Herkunft, erstellt sensible Portraits von homosexuellen Iranerinnen und Iranern, die auf ihrer Flucht durch die türkische Stadt Denizli reisen. 

Jess T. Dugan interessiert sich für die Repräsentation der LGBTIQ*Gemeinschaft und hat eines ihrer Projekte mit Dr. Vanessa Fabre, Assistenzprofessorin an der Brown School of Social Work der Washington University in Saint Louis realisiert. Die 2013 begonnene Serie «To Survive on this Shore» – benannt nach einer Zeile aus dem Lied «Talk to Me Now» von Ani DiFranco – geht von der Feststellung aus, dass in den Medien und in den Künsten transgender und nicht genderkonforme Menschen nur sehr selten durch ältere Personen repräsentiert werden. Die Arbeit von Dugan und Fabre versucht diese Lücke zu füllen. Sie haben mehr als 80 über 50-jährige Transmenschen getroffen, interviewt und portraitiert.

Zackary Drucker & Rhys Ernst aus Los Angeles entführen uns mit ihrer Videoarbeit She gone rogue in träumerischen Szenen in eine parallele Dimension, in der sich Zeit, Raum, Alter und Geschlecht auflösen. Sie schaffen eine trans*-feminine Version der klassischen Heldensaga. Nach dem Ende einer Liebesbeziehung sucht «Darling» (Zachary Drucker) zutiefst unglücklich bei ihrer Tante, «Auntie Holly» (transgender Schauspielerin und vorherige Warhol Muse Holly Woodlawn), nach tröstenden Worten. Stattdessen findet sie sich in einer Welt der Fernsehpredigerin und Medium, «The Whoracle of Delphi» (gespielt von der gender-queeren Performancekünstler_in Vaginal Davies), wieder. Das Orakel spricht direkt zur traurigen Heldin und lässt sie eine Pause von der Realität erleben: Wie die Heldinnen in Alice in Wonderland oder The Wizard of Oz betritt «Darling» ein magisches Wunderland mit märchenhaften Wäldern, dass sie im Gegensatz zu Alice oder Dorothy nicht mehr verlassen möchte. Ihre Persönlichkeit beginnt sich zu multiplizieren und auszudehnen.

Der Ursprung Leonard Surayajayas Arbeit ist die komplexe Geschichte seiner Herkunft: Als indonesischer Bürger mit buddhistischer Konfession und chinesischer Herkunft wächst er in einem vorwiegend muslimischen Land auf. Vor diesem bunt gemischten kulturellen Hintergrund untersucht der queere Künstler Fragen zu Intimität, sexueller Orientierung und dem Gefühl des Nichtdazugehörens, des sich in seinem Umfeld Fremdfühlens. Ausgangspunkte für den Künstler sind sein eigener Körper und sein Äusseres als Kampfzone, um verschiedene kulturelle Praktiken in der globalisierten Welt zu hinterfragen. Seine dichten Kompositionen, in denen seine Familie und sein Partner auf einzigartige Weise inszeniert werden, zeichnen sich durch einen performativen Charakter aus.

Barbara Davatz fotografierte über 30 Jahre lang junge, verliebte, befreundete oder verwandte Paare. Dieses Langzeitprojekt zeigt auf umfassende Weise die Vielfältigkeit der Menschen und wie sie sich vor der Kamera zeigen und fotografieren lassen. «As Time Goes By» macht die Identitäten dieser Personen sichtbar, zeigt deren Entwicklung und erzählt im weiteren Sinne ein Bruchstück der zeitgenössischen Geschichte. Die strenge Formensprache lässt uns die zum Teil sehr subtilen Veränderungen umso stärker wahrnehmen. Der gleichbleibende neutral-graue Hintergrund hebt die Gesichter und Kleidung hervor und unterstreicht die Charakterzüge eines jeden.

In «The Company of Men» setzt sich Alexandre Haefeli mit der Figur des Mannes und der Repräsentation seiner Sinnlichkeit auseinander. Lust wird in unserer Gesellschaft üblicherweise durch die Darstellung von nackten weiblichen Körpern vermittelt. Nackte laszive Männer hingegen sind wenig präsent. Haefelis Bilder befragen die männliche Erotik, zelebrieren den männlichen Körper und verbinden ihn mit der bereits vorhandenen Ikonografie. Die Männer in The Company of Men scheinen zerbrechlich, zart, spitzbübisch und sensibel. Sie sind umgeben von Blüten, astralen Nimbussen und strahlen Qualitäten aus, die gewöhnlicherweise Frauen zugeschrieben werden. Dies generiert eine gewisse Distanz zwischen der Arbeit des Künstlers und der traditionellen Darstellung von Männlichkeit.

DISRUPTIVE PERSPECTIVES

22. September – 19. November 2017
Pasquart Photoforum, Biel

Vernissage
21 September, 19:00 – 21:00
19:15: Einführung von Nadine Wietlisbach, Direktorin Photoforum Pasquart, Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart
Verleihung Manor Kunstpreis durch Pierre-André Maus, Verwalter der Maus Frères SA
Apéro

Infos
Datum: 21.09.2017
Autor:
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