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DJ Coreys Musiktipps für den Dezember

DJ Coreys Musiktipps für den Dezember

Eine schöne Bescherung: Sias zehn neue Weihnachtslieder sind die perfekte Einstimmung zum Weihnachtsfest. Ein unverbesserlicher Widerspenstiger: Der aufmüpfige Morrissey kann seine Klappe einfach nicht halten. Eine unermüdliche Visionärin: Die Ausnahmekünstlerin Björk inszeniert die ganz grosse Liebe als Utopie. Eine unnachahmliche Exzentrikerin: Paloma Faith macht jetzt Pop mit politischem Anspruch. Ein diskreter Provokateur: Mit „Blitz“ verfeinert Etienne Daho seinen musikalischen Kosmos. Ein queerer Grenzgänger: Shamirs zweites Album ist ein Bekenntnis zur Unvollkommenheit. Mut zur Entschleunigung: Die Belgierin Mélanie de Biasio verzaubert mit raffiniertem Jazz-Noir.

Bild 1SIA

Everyday Is Christmas
(Monkey Puzzle/Atlantic/Warner)

Alle Jahre wieder schneien Massen von Weihnachtsalben auf den Markt. Eine gute Alternative zum üblichen Dauergesülze bietet das achte Studioalbum der medienscheuen Pop-Songwriterin und –Sängerin Sia Furler. Die extrem produktive Australierin hat zusammen mit dem erfolgsverwöhnten Produzenten Greg Kurstin zehn Originalsongs komponiert, welche Besinnlichkeit und Vorfreude auf das Fest verströmen. Die schnelleren Stücke mit ihren Doo-Wop-Chörchen, Rentierglöckchen und Blechbläser entlehnen ihre Fröhlichkeit den Weihnachtsklassikern der Girlgroups aus den 60ern, wie The Ronettes und The Supremes. Und für den Schluss von "Everyday is Christmas" hat sich Sia gleich drei sehr gelungene, dramatische Balladen aufgehoben. Davon scheint sie nicht genug zu kriegen.

 

Bild 4MORRISSEY

Low In High School
(BMG)

Mit seinen 58 Jahren bleibt Morrissey nach wie vor ein Mann der Widersprüche. Seit Beginn seiner Solo-Karriere im Jahr 1988 quält bzw. tröstet der Narziss seine treue Fan-Gemeinde mit seinen Launen. Auf seinem neuen Album „Low In High School“ befeuert Moz seine Wut auf die Monarchie und die Verlogenheit der Politiker, zeigt sich enttäuscht über die Ergebnisse des Arabischen Frühlings und wiederholt seine positive Einstellung zu Israel. Unter der harten Haut eines Wutbürgers versteckt sich allerdings ein weicher Kern, der sich nach Liebe sehnt und die Einsamkeit nicht länger ertragen kann. Musikalisch ist Morrissey am brillantesten, wenn er gegen seine innere Zerrissenheit ankämpft. Balladeskes steht ihm nach wie vor besser zu Gesicht als pompöser Theater-Rock.

 

Bild 6BJÖRK

Utopia
(One Little Indian)

Auf dem “Break-up”-Album “Vulnicura” (2015) leckte sich die isländische Sängerin einsam die Wunden, die die Trennung von ihrem Partner und Vater ihrer Tochter hinterlassen hatte. Das neue Opus „Utopia“ hat Björk selber als ihr „Tinder“-Album bezeichnet. Eine schöne Metapher, die verdeutlicht, dass ihr Körper und ihre Seele wieder empfänglich für die Liebe sind. Auf „Utopia“ tritt Björk aus dem Dunkeln von „Vulnicura“ zurück ins Licht. Mit Harmonie und Wohlklang möchte sie die Welt wieder umarmen. Erneut unterstützt vom venezolanischen Produzent Arca verbindet Björk diesmal federleichte elektronischen Spielereien mit Flöten-, Harfenklängen und Vogelgezwitscher. Entstanden ist ein zugänglicheres Album, das futuristischer Folk aber kein Pop mehr sein will.

 

Bild 3PALOMA FAITH

The Architect
(RCA/Sony)

Album Nummer vier für die britische Sängerin und Schauspielerin Paloma Faith. Musikalisch bleibt alles beim Alten. Perfekt und opulent produzierter Soul-Pop, der mit Dance und Funk kokettiert aber auch Raum für Powerballaden in bester James-Bond-Manier lässt. An Songwriting und Produktion des neuen Albums war eine ganze Reihe hochkarätiger Songwriter und Produzenten beteiligt, wie z.B. Sia, John Legend, Jesse Shatkin, Tobias Jesso Jr., Eg White und Rag'n'Bone Man. Neu ist, dass nicht nur Romantik im Zentrum der neuen Songs steht. Vielmehr greift Paloma Faith Themen auf, auf welche sie erst durch ihre Mutterschaft aufmerksam wurde. Sie singt nun über die Flüchtlingskrise, Donald Trump und den Brexit. So wird „The Architect“ zu ihrem persönlichen pop-politischen Manifest.

 

Bild 7ETIENNE DAHO

Blitz
(Virgin/Universal Music)

Etienne Daho, der Pate des French Pop, feiert nach der triumphalen Diskönoir-Tour seine langerwartete Rückkehr. Schon das Albumcover, das sich in dunklen Farben an den Matrosen Querelle aus der gleichnamigen Literaturverfilmung von Rainer Werner Fassbinder anlehnt, deutet darauf hin. „Blitz“ ist eine Hommage an die Nacht und den Tod. „Blitz“ weckt Erinnerungen an den Bombenregen über London im Zweiten Weltkrieg und an die Selbstmordattentate neueren Datums. „Blitz“ steht aber auch für persönliche Schicksalsschläge. Eine Bauchfellentzündung hätte 2013 Etienne Daho fast das Leben gekostet. Im Januar 2017 ist dann seine Schwester plötzlich gestorben. Mit „Blitz“, der zwischen psychedelischem Rock und sinnlichen Balladen oszilliert, erweist sich Daho einmal mehr als der britischste aller französischen Pop-Stars.

 

Bild 2SHAMIR

Revelations
(Father/Daughter Records)

Sein Debüt „Ratchet“ aus dem Jahr 2015 erschien noch bei renommierten Label XL Recordings (Adele, Arca, M.I.A.). Dem damals 20-jährigen Shamir mit der Stimme einer Soul-Lady gelang es, den Gender- und Queer-Diskurs auf die Disco- und House-Tanzfläche zu bringen. Allerdings konnte sich Shamir mit diesem Party-Sound nicht ganz identifizieren. Darauf trennte er sich von seiner Plattenfirma und seinem Manager. Im letzten April veröffentlichte er selbst das zweite Album „Hope“, das viel mehr nach Lo-Fi Indie Rock und Alternative R&B als Elektropop klang. Auch auf „Revelations“ setzt Shamir auf Minimalismus, Intimität und Introvertiertheit. Er gewährt dafür einen aufrichtigen Blick in sein Seelenleben als Kind der 90er und in seine „no-binary“ Gender-Identität.

 

Bild 5MÉLANIE DE BIASIO

Lilies
(Le Label/PIAS/Rough Trade)

Musik zur Entschleunigung. Reduktion statt Opulenz. Die Belgierin fühlt sich wohl in ihrer Film-Noir-Welt aus Jazz, Blues, Soul und Chanson. Ihr drittes Album „Lilies“ erzeugt eine unglaublich dichte Atmosphäre. So warm hat sich Düsterheit noch nie angefühlt. De Biasios eindringlich im Vordergrund stehende, aber doch zurückhaltende Stimme ist spärlich von ihrer Studioband begleitet. Manchmal genügen ätherische Pianoklängen oder sogar nur Fingerschnippen, um den Seelenschmerz in nachvollziehbarer Weise zu reproduzieren. Von der bittersüssen Trip-Hop-Ballade „Your Freedom Is The End Of Me”, über dem dunklen Groove von “Gold Junkies” bis zum Soul von „Afro Blues“ leuchten De Biasios Lieder wie ein Rohdiamant bei Nacht.

Die Musiktipps von DJ Corey immer am 1. Sonntag im Monat im Gay Radio auf Radio RaBe

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Infos
Datum: 03.12.2017
Rubrik: gayRadio
Autor: DJ Corey
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