gaybern.ch | ha-bern.ch | 3gang.ch | cominginn.ch
gaybern.ch - lesbischwules portal für bern der hab
Freizeit und Lifestyle

Eurovision 2018 – Tops & Flops

Eurovision 2018 – Tops & Flops

Ludwig, Eurovisions-Fan, DJ und Musikliebhaber hat sich sämtliche Wettbewerbsbeiträge für den Eurovision Song Contest 2018 angehört und sich eine Meinung gebildet. Hier seine Verdikt und seine Prognose.

Alexander Rybak will es ein zweites Mal

Als der jugendliche Norweger mit der Geige, Alexander Rybak, 2009 in Moskau den Eurovision Song Contest gewann, war das eine Kehrtwende für den in die Jahre gekommen Liederwettbewerb. Noch nie hat ein Song in der Geschichte des ESC so viel Punkte und so viele 12er erhalten und einen so deutlichen Sieg errungen wie «Fairytale»[1]. Der Song war auch kommerziell erfolgreich und schaffte es in die Top Ten der Charts vieler Länder in ganz Europa. Der Winner-Song war typische ESC-Kost der OOer-Jahre, mit volkstümlichen Zutaten gewürzt und mit einen Geigensolo dekoriert. Dieser Sieg war der krönende Abschluss der Ethno-Pop-Periode[2]am ESC. Seither ist ein typischer Sieger-Stil nicht mehr auszumachen. Zu Unterschiedlich sind die Gewinner aus den letzten Jahren: Eine bärtige Dragqueen mit James Bond mässiger Power-Ballade, perfekter Charts-Pop aus Schweden (Loreen und Måns), Politisches wie «1944« von Jamala und letztes Jahr dann diese jazzige, intime Ballade aus Portugal, einem der musikalisch ungewöhnlichsten Songs in der Geschichte des ESC.[3]

Norwegen glaubt, dass ihr Sieger von 2009, ein sichere Wert ist und schickt deshalb Alexaner Rybak nochmals an den Wettbewerb. Wird er es schaffen, wie Johny Logan aus Irland, den ESC ein 2. Mal zu gewinnen?[4]Norwegens Beitrag für 2018 ist ein sehr berechnender Song der ganz auf Sieg getrimmt ist. «That’s How You Write a Song» ist witzig und funky, oben drauf gibt’s noch Scatting[5]und natürlich nicht fehlen darf das Solo auf der Geige. Ein Top Plazierung ist dem Norweger Alexander Rybak sicher, doch ein Sieg wird es nicht. Dafür ist der Song doch etwas zu altmodisch.

In direkter Konkurrenz zu Alexander Rybak steht der Beitrag aus Tschechien: «Lie To Me» von Mikolas Josef. Auch dieser Song ist funky, witzig und gescattet wird auch. «Lie To Me» ist ein äusserst cooler Popsong der zeitgemäss tönt und an «Uptown Funk» (Mark Ronson) erinnert aber auch an «Rhythm Inside» mit dem Loïce Nottet 2015 für Belgien den 4. Platz holte. Für den hübschen Brillenträger und Model Mikolas Josef stehen die Chancen gut, das beste Resultat zu erzielen, dass Tschechien jemals am ESC hatte.

Der Mainstream klingt wie Radio

Natürlich schickt Schweden wieder einen perfekten Popsong ins Rennen. Der könnte von irgendeinem Popstar sein, der aktuell grad in den Charts ist. «Dance You Off» von Benjamin Ingrosso wird wohl eher ein Radioerfolg als ein ESC-Sieger. Aber einmal mehr beweisen die Schweden, wer im Pop heute das Sagen hat. England musste die Krone abgeben. Das zeigt sich auch am ESC. «Storm» von SuRie ist zwar OK, aber von Grossbritannien dürfte man eigentlich mehr erwarten. Hoffen wir mal, dass Ed Sheeran sein Angebot wahr macht, und einen Song für den ESC schreibt. Vielleicht im nächsten Jahr?

Klar orientieren sich die Länder am Musikgeschmack des Mainstreams. Europa weit tummeln sich dieselben Songs in den Charts und im Radio. Cesar Sampsons Songs «Nobody But You» (Österreich) beispielsweise könnte auch ein Song von James Arthur oder Hozier sein oder einem anderen Dama-King, wie sie im Pop grad sehr beliebt sind. Michael Schulte aus Deutschland bringt mit «You Let Me Walk Alone» einen berührenden Song über seinen verstorbenen Vater im Stil von Ed Sheeran auf die Bühne. Beides wohlklingend Songs, aber es fehlt etwas, dass einen aufhorchen lässt.

Die Regenbogenfahne schwingt Saara Aalto

Grad zwei Songs am ESC tönen nach Lady Gaga. «Taboo» von Christabelle, die für Malta antritt, hat dazu ein aufwändiges Video à la Mad Max produziert, um damit schon im Vorfeld auf sich Aufmerksam zu machen. Noch mehr Schweinwerfer sind auf Saara Aalto gerichtet, die für Finnland nach Lissabon fährt. Die offen lesbische Sängerin schwingt die Regenbogenfahne für die LGBT-Community am ESC. Sie wurde 2012 Zweite bei The Voice of Finnlandund 2016 Zweite bei der renommiertesten Castingshow der Welt X-Factor UK. Wird sie es am ESC endlich auf den ersten Platz schaffen oder bleibt sie die Ewige Zweite? «Monsters» heisst ihr Song und ist topmoderner Euro-Disco-Pop nach skandinavischer Manier. Eingängig, kraftvoll und dank ihrer Castingshow Erfahrung wird Saara den Song auf der Bühne in Lissabon bestimmt erstklassig vortragen.

Das Mittelfeld

Etwas altmodisch wirkt der Song «We Got Love» von Jessica Mauboy, die für Australien antritt. Es ist einer der wenigen Songs, die typisch Eurovision sind: eine nette, harmlos Powerballade, fantastisch gesungen. Der Beitrag aus Griechenland («Oneiro Mou» von Gianna Terzi) tönt wie einer dieser Ethno-Song, wie sie vor 10 Jahren so beliebt waren. Fürchterlich schnulzig ist der Beitrag aus Spanien, das Liebesduett «Tu Canción» von Amaia Romero & Alfred Garcia. Estland versucht es mit Klassik-Pop nach Italienischer Art. 2015 haben die drei jungen Opernsänger Il Volo mit «Grande Amore» den Sieg nur knapp verpasst. Vielleicht gelinge es ja Elina Nechayeva, die mit der Pop-Arie «La Forza» antritt, den Sieg zu holen. Ich find’s schrecklich, aber sie wird ihr Publikum finden. Die Wettbüros und Experten trauen ihr jedenfalls einen Platz in den vordersten Rängen zu.

Belgien, die mit sehr guten Songs in den letzten Jahren immer viele Punkte holen konnten[6], ist wieder mit einem tollen Beitrag am Start: «A Matter Of Time» von Sannek. Musikalisch etwas aus dem Rahmen fällt der Beitrag aus Bulgarien. «Bones» von Equinox ist düsterer, epischer Poprock und dürfte beim Publikum sehr gut ankommen. Noch rockiger ist «Outlaw In 'Em» von Waylon aus den Niederlanden. Waylon ist die eine Hälfte des Country-Duos The Commen Linnets, die 2014 auf Platz Zwei landeten und nach dem ESC kommerziell ziemlich erfolgreich waren.

Songs, die vor allem bei der Jury punkten werden, sind «Mercy», über ein Flüchtlingskind, gesungen vom Duo Madame Monsieur aus Frankreich und «Non mi avete fatto niente», über die Auswirkungen des Terroranschlags bei Bataclan, vorgetragen von den Sanremo-Gewinnern Ermal Meta & Fabrizio Moro aus Italien. Vor allem «Mercy» mit seiner eingängigen Melodie und dem unaufdringlichen, leichten Arrangement traue ich auch viele Publikmusstimmen zu und einen der vorderen Plätze im Finale.

Sieg für Netta aus Israel?

Letztes Jahr ging der Italiener Francesco Gabbani als Favorit ins Rennen. Er wurde dann allerdings nur Sechster. In diesem Jahr glauben die Wettbüros, dass Israel die höchsten Gewinnchancen hat. Die vielen ESC-Fans sind ebenfalls begeistert von Netta und ihrem Song «Toy» und auch ich bin überzeugt, dass sie die perfekte Gewinnerin wäre. Netta ist ein verrücktes Huhn und tönt auch so. Die mollige Sängerin steht mit einem Loop-Gerät[7]auf der Bühne und macht allerlei lustig Töne damit. Sie singt «I’m not your toy» und will sich damit  in die #MeToo Debatte einmischen. Alle Zutaten für eine Sieg sind da: Aktuelles Thema, etwas verrückt und schräg und deshalb auffällig, musikalisch zeitgemäss und – besonders wichtig – eine sympathische Interpretin mit einer Botschaft.

Und die Schweiz?

Sorry, aber das wird nichts! Bei den Wettbüros werden die Chancen auf einen Schweizer Sieg sehr klein geschätzt. Auch in den einschlägigen Foren der Fans findet der Song nicht gross Anklang. «Stones» der Aargauer Geschwister ZiBBS klingt irgendwie altmodisch, wie ein ESC Beitrag aus den 00er-Jahren. Wir können nur hoffen, dass wir nicht die Schmach des letzten, sondern vielleicht den gnädigen zweit- oder drittletzten Platz erreichen werden. Man kann dem Schweizer Publikum nicht mal einen Vorwurf machen, diesen Song gewählt zu haben. Es war tatsächlich der erfolgversprechendste Song der zur Wahl stand. Dabei gäbe es spannende Musik aus der Schweiz die am ESC auffallen könnten. Wieso nicht Crimer mit seinem 80’s-Retro-Sound oder Seven mit seinem coolen Funk oder die Bieler Popper Pegasus, mit ihrem Händchen für eingängige Melodien an den ESC schicken? Sogar ein Berndeutsch-Rapper wie Nemo wäre aufregender als ZiBBS. Oder wie wär’s mit Luca Hänni, der weiss immerhin wie man Wettbewerbe gewinnt! Also liebe Schweiz, statt ständig rumzuheulen, dass uns am ESC niemand beachtet, wir ohnehin nur verlieren können, sollten die Verantwortlichen statt dessen etwas mutiger sein. Es braucht am Wettbewerb nicht einen weitern ESC typischen Song. Erfolgsversprechender ist es, wenn man gegen den Strom schwimmt und nicht mitmacht um zu gewinnen, sonder teilnimmt um die Plattform ESC zu nutzen um über die Grenzen des eigenen Landes hinaus bekannt und erfolgreich zu werden.

Prognose

Ich hoffe, ich liege mit meiner Einschätzung bezüglich ZiBBS daneben und wünsche dem Duo viel Erfolg am 1. Halbfinale in Lissabon am 8. Mai. Mein Wunsch für die Top Drei 2018 am Finale ist: Platz 1 für Israel, Platz 2 für Tschechien und Platz 3 für Finnland. Meine Einschätzung, wie es tatsächlich auf der Siegertreppe aussehen wird am 12. Mai: Israel auf Platz 1, Platz 2 geht an Australien und Platz 3 an Frankreich.

Doch vorerst mal Abwarten wie sich die Sängerinnen und Sänger an der Shows schlagen. Es ist schlussendlich der Live-Auftritt der zählt und über Sieg oder Niederlage entscheidet. Zugegeben, gute PR-Arbeit davor kann auch nicht schaden. Aber es dauert noch einige Tage bis der Eurovision Song Contest 2008 beginnt, es kann also noch viel passieren. Noch ist alles offen, alles nur Wunschdenken und Spekulation.

Welche Songs gefallen dir am besten? Hinterlasse ein Kommentar und diskutiere mit!

Eurovion Song Contest

8, 10. und 12 Mai 2018
jeweils ab 21 Uhr live im TV
direkt aus Lissabon

 

Golden-Tolerdance
Euro-Disco

Samstag, 26. Mai, 22 Uhr
ISC Bern
Strictly european sounds and a lot fo Eurovision
DJ Ludwig & DJ Corey

Nerd-Wissen

[1]16 mal 12 Punkte, total 387 Punkte für «Fairytale» von Alexander Rybak 2009 in Moskau. 1. Platz mit 169 Punkten Vorsprung – Rekord!

[2]Erfolgreiche ESC-Ethno-Pop Songs: Sertab Erener «Everyway That I Can», Türkei (2003, Platz 1), Ruslana, «Wild Dances», Ukraine (2004, Platz 1), Helena Paparizou «My Number One», Griechenland (2005, Platz 1), Željko Joksimović, «Lane Moje», Serbien Montenegro (2004, Platz 2), Sakis Rouvas, «Shake It», Griechenland (2004, Platz 3), Hari Mata Hari, «Lejla», Bosnien Herzegowina (2006, Platz 3)

[3]Ein anderer, musikalisch aussergewöhnlicher Sieger, war ein Beitrag aus Norwegen. 1995 gewann der Song «Secret Garden», eine Mischung aus Keltischer Folklore, Klassik und Filmmusik, der mit nur 24 Worten auskam.

[4]Johnny Logan (Irland) gewann 1980 mit «What's Another Year», 1987 mit «Hold Me Now» und 1992 ein drittes Mal als Songwriter von «Why Me» für Linda Martin

[5]Scatten ist ein improvisiertes Singen von rhythmisch und melodisch aneinandergereihten Silbenfolgen ohne Wortbedeutung und ohne zusammenhängenden Sinn, https://de.wikipedia.org/wiki/Scat

[6]Erfolgreiche und coole ESC-Beiträge aus Belgien der letzen Jahre: Blanche «City Lights», Platz 4 2017; Laura Tesoro «What’s The Pressure», Platz 10 2016; Loïc Nottet «Rhythm Inside», Platz 4 2015; Tom Dice «Me And My Guitar», Platz 6 2010.

[7]Loopbezeichnet ein zeitlich begrenztes Klangereignis, das üblicherweise mit technischen Mitteln wiederholt wiedergegeben wird. https://de.wikipedia.org/wiki/Loop_(Musik)

Kommentare

Am 05. Mai 2018 gegen 20 Uhr meinte ehem. Redaktor gayAgenda

Ich finde den Contest musikalisch dieses Jahr sehr spannend. Jetzt bin ich nur noch gespannt, wie die Shows daherkommen und was die Kandidaten bieten werden!

Meine Enttäuschungen (ein paar davon zum x-ten Mal): UK, Deutschland, Schweden, Italien.

Zu den Punktekandidaten zählt wohl das gackernde Pummelchen aus Israel, das Chick nervt mich aber jetzt schon.

Super schön/interessant/typisch Eurovision wie wir es lieben (aber wohl ohne Chance auf den Sieg) finde ich: Portugal, Griechenland, Serbien, Spanien, Finnland, Estland, Island, Lettland, Littauen und natürlich das irische schwule Pärchen …

Frankreich find ich auch gut, die könnten für eine Überraschung sorgen. Den Schweizer Beitrag finde ich sehr gut, die Chancen stehen gut, dass wir wieder mal ein paar Punkte bekommen. Für einen Sieg wird es aber auch hier nicht reichen.

Meine Votes gehen aber an: Australien, Belgien, Tschechien, Armenien, Aserbaidschan und die Robin Beck aus Rumänien, 90er-Cola-Werbung lässt grüssen! :-)

Name
E-Mail *
Text
* Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, muss aber angegeben werden.
Infos
Datum: 07.04.2018
Autor: Ludwig Zeller
Facebook
Mehr Artikel
Gay Reisen für Naturliebhaber
Seit sechs Jahren ist Pink Alpine auf dem Markt tätig und führt pro Jahr rund 20 Outdoortrips durch. Individuelle Betreuung zählt beim Reiseanbieter aus Bern mehr als sich in Massen zu tummeln. Pink Alpin stellt sein Sommerangebot vor. Mehr
Kultur- und Wanderwoche im Burgund
Vom 2. bis 9. September veranstaltet die Wandergruppe «les lacets roses» eine Woche voll mit Kultur und Wandern im Burgund. Jetzt anmelden, es hat noch wenige Plätze frei! Mehr
Wer wird den ESC 2017 gewinnen?
Am 9., 11. und 13. Mai findet in Ukraines Hauptstadt Kiev der 62. Eurovision Song Contest statt und Millionen Fernsehzuschauer werden sich den grössten Musikwettbewerb der Welt anschauen. Wer hat Chancen auf den Sieg? Welche Songs lohnen sich anzuhören? Und wie stehen die Chance für den Schweizer Beitrag? DJ Ludwig (Tolerdance) hat sich die 42 Songs angehört, und sich auf Fan-Foren und den Wettbüros informiert. Mehr