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CD-Tipps

DJ Corey Musiktipps für den September

DJ Corey Musiktipps für den September

Eine Scherenschwester zieht allein in die Welt: Jake Shears legt sein erstes Solo-Album vor. Young, black, gay and proud: das neue Selbstverständnis von jungen schwarzen Künstlern am Beispiel von Kiddy Smile, Blood Orange und MNEK. Mehr als der schwule Justin Bieber: Mit «Bloom» hat sich der junge Australier Troye Sivan zu einer Gesamtkunstwerk-Persönlichkeit entwickelt. Neuer Namen, neuer Sound: das neue Musikprojekt der queeren Künstlerin Jennifer Hayes läuft unter den Namen Jenn Champion. Von der Gejagten zur Jägerin: Anna Calvi verschiebt und sprengt die Gendergrenzen.

JAKE SHEARS

Jake Shears (Freida Jean Records)

Bild 1

2012 kündigte die schrille New Yorker Band Scissor Sisters eine unbestimmte Schaffenspause an. Deren Leadsänger Jake Shears nutzte die frei gewordene Zeit, um seine Memoiren «Boys Keep Swinging» zu schreiben und im Broadway-Musical «Kinky Boots» zu debütieren. Inzwischen liegt auch sein erstes selbstbetiteltes Soloalbum vor, mit welchem er die schmerzliche Trennung von seinem langjährigen Freund verarbeitet. Die Songs wurden mit Mitgliedern von My Morning Jacket und The Preservation Hall Jazz Band in einem einzigen Take in Louisville aufgenommen und mit Kevin Ratterman produziert. In seinem glitzernden Musikkosmos aus Glam-Rock, Funk, Disco, Synthie-Sound und Country spielt Jake Shears überdreht mit sämtlichen schwulen Klischees. Am Ende kommt sein Make-up ins Schwitzen und verschmiert. Seine neue musikalische Reise hat sich aber gelohnt.



KIDDY SMILE

One Trick Pony (Neverbeener Records – Grand Musique Management)

Bild 6Kiddy Smiles Karriere umfasst Musik, Tanz, Mode und Film. Er ist eine Schlüsselfigur der LGBT-Community von Paris, wo er das Voguing und die Ballroom-Szene zu einem Comeback verhalf. 2016 veröffentlichte Kiddy Smile die Tracks «Tearsdrops In The Box” und “Let A Bitch Know” auf dem englischen House-Label Defected. Auf seinem ersten Album «One Trick Pony» bringt Kiddy Smile seine musikalischen Einflüsse, u.a. Gospel, Hip-Hop sowie Chicago- und Detroit-House, mit seinem Pop-Verständnis zusammen. Es gibt auch Kollaborationen mit Rouge Mary, Sängerin bei Hercules & Love Affair und den Crookers («Dickmatized»). In den Texten befasst sich Kiddy Smile mit Familienangelegenheiten, unerwiderter Liebe und Körperakzeptanz. Selbstverständlich aus einer queeren Perspektive.
 

BLOOD ORANGE

Negro Swan (Domino Records)

Bild 7Devonté oder Dev Hynes, Multiinstrumentalist, Produzent und Kopf von Bloode Orange, ist vielleicht einer der ersten queeren Künstler, der die Debatte über Genderfluidität lancierte. Mit dem 2016 erschienen Album «Freetown Sound» gab er den afroamerikanischen Opfern staatlicher und gesellschaftlicher Unterdrückung eine Stimme. Er sprach sich auch für schwarzes und feministisches Selbstvertrauen aus. Auf «Negro Swan» greift Dev Hynes Ängste und Depressionen der schwarzen queeren Bevölkerung auf, versucht aber zugleich, die Hoffnung nicht aufzugeben. Sein entspannter LoFi-R&B mit Gospel- und Jazzelementen ist der perfekte Soundtrack für laue Sommerabende und setzt einen Kontrapunkt zu den ernsthaften Texten.
 

MNEK

Language (Virgin EMI)

Bild 5MNEK heisst im richtigen Leben Uzo Emenike. Er ist 23 und lebt seit seiner Geburt in London. Als Teenager hat er seine ersten Sporen als Songwriter u. a. für Beyoncé, Madonna und Kylie Minogue verdient. Später hat er Hits für Dua Lipa, Little Mix, Diplo und Julia Michaels komponiert. In der Dance-Szene haben seine Kollaborationen «Ready For Your Love» mit dem House-Act Gorgon City und «I’ll Never Forget You» mit Sängerin Zara Nelsson für Furore gesorgt. Aufgrund von seinem respektablen CV überrascht es nicht, dass MNEK auf seinem Erstling «Language» ein feines Gespür für Pop-, Dance- und R&B-Melodien und harmonische Songstrukturen an den Tag legt. Mit «Language» zelebriert MNEK seine Pop-Einflüsse und seine Erfahrungen als offen schwuler schwarzer Mann.



TROYE SIVAN

Bloom (EMI)

Bild 4Troye Sivan hat seine Pop-Karriere zuerst auf seinem eigenen YouTube-Kanal gestartet, wo er heute noch auf fast vier Millionen Follower zählen kann. Auf YouTube hat er nicht nur regelmässig Coversongs veröffentlicht, sondern auch sein Coming Out gehabt. Mit seinem Debüt «Blue Neighbourhood» (2015) hat der damals 20-jährige Australier bewiesen, dass er auch ein vielschichtiger und sensibler Pop-Songwriter ist. Auf dem zweiten Album «Bloom» gelingt Troye Sivan erneut der Spagat zwischen Eingängigkeit, Minimalismus und spannungsgeladenen Soundlandschaften. Unschuldige Liebessongs, Elektro-Pop-Perlen, sentimentale Stadion-Balladen, sexuell aufgeladene Dance-Pop-Hymnen. Alles, was Troye Sivan mit seiner kuscheligen Stimme umarmt, verwandelt sich in ein himmlisches Fest, wo Liebe, Lust und Pop-Musik zu einer grossen Dreifaltigkeit verschmelzen.



JENN CHAMPION

Single Rider (Hardly Art/Cargo)

Bild 3Die queere Musikerin Jennifer Hays aus Seattle nannte sich früher Jenn Ghetto und war unter anderem an den Indie-Pop-Projekten «Clarissa’s Weird» und «S» beteiligt. «Single Rider» ist das erste Album, das unter dem neuen Künstlernamen Jenn Champion läuft.  Der Namenwechsel bedingt natürlich auch einen neuen Sound. Jenn Champion macht neu Electro-Pop für alle traurigen Seelen, die trotz ihrer Gemütslage dem Dancefloor nicht abgeneigt sind. Es handelt sich um samtene Popmusik, die sich zwischen leicht beschwingtem Dark-Disco und verträumtem Synthie-Pop-Noir bewegt. In der zweiten Albumhälfte drosselt Jenn Champion das Tempo und überrascht mit akustischen Pianoballaden.




ANNA CALVI

Hunter (Domino)
Bild 2Schon früher hat Anna Calvi in Songs und Videos lesbisches Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Schliesslich hat die Britin mit 16 ihren Coming Out als Lesbe gehabt. Aber erst auf ihrem dritten Werk «Hunter», das sie selbst als queeres Album bezeichnet, geht die 37-jährige Sängerin und Gitarristin aufs Ganze. Sie bricht definitiv mit den Gesetzen der Geschlechterkonformität. In unserer patriarchalen heteronormativen Gesellschaft werden Frauen meistens in die Rolle der Gejagten gedrängt. In Anna Calvis Welt dürfen Frauen ihre Sehnsucht nach Lust und Genuss ausleben und auch als Jäger auftreten. «Hunter» verströmt in jedem Song Sinnlichkeit und Leidenschaft pur, mal hart mal soft, mal animalisch mal zärtlich. Das bislang bestes Album der Britin.




Die Musiktipps von DJ Corey
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Infos
Datum: 11.09.2018
Rubrik: CD-Tipps
Autor: DJ Corey
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